Das Magnificat - ein Bewerbungsstück?

05. Juli 2014

Es ist eines der am frühesten geschaffenen Vokalwerke von Carl Philipp Emanuel Bach, das Magnificat Wq 215 aus dem Jahre 1749. Viel wurde darüber spekuliert, zu welchem Anlass Bach das große geistliche Werk komponierte. Man kann davon ausgehen, dass es als Bewerbungsstück für die Stelle des Leipziger Thomaskantorats diente, denn es entstand noch zu Lebzeiten des Vaters Johann Sebastian Bach, der zu jener Zeit bereits schwer krank war und für eben den der Rat der Stadt Leipzig einen Nachfolger als Thomaskantor suchte.

Bach selbst soll seine Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel ermutigt haben, sich auf jene Stelle zu bewerben. Letzten Endes blieben die Bewerbungen erfolglos und die Stelle wurde statt von einem der Bach-Söhne von Johann Gottlob Harrer, der durch den Grafen Heinrich protegiert wurde.

C. Ph. E. Bach, Magnificat Wq 215 / H 772, Berlin 1749, Partitur-Autograph, 1. Notenseite (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv)Der Musikwissenschaftler Carl von Winterfeld geht davon aus, dass das Magnificat zwar als Bewerbungsstück diente, nicht aber für die Stelle in Leipzig, sondern als Bewerbung um den Titel des Hofkapellmeister bei Prinzessin Amalie von Preußen, der Schwester Friedrichs des Großen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass Bach das Magnificat komponierte, um es bei einer Gedächnisfeier für seinen Vater aufzuführen, für die jeder der berühmten Söhne „ein Stück zu schreiben gedachte, das dessen würdig wäre.“ Da die Entstehung des Werkes jedoch auf das Jahr 1749 datiert ist, also noch zu Lebzeiten von Johann Sebastian, ist diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich.

Auch wenn sich die Musikforscher nicht ganz einig darüber sind, zu welchem Anlass das Magnificat komponiert wurde und wann genau es zur Uraufführung kam – fest steht, dass es ein wichtiges Werk im Schaffen von Carl Philipp Emanuel Bach ist, das schon 1829, zwei Jahre nach Beethovens Tod, von Nicolaus Simrock in Bonn gedruckt wurde. Heute erklingt das überaus anspruchsvolle und repräsentative Werk häufiger in den Kirchen und Konzertsälen.

In der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ wird diese Komposition in einem Artikel aus dem Jahre 1806 näher beschrieben.

„Die Solosätze in Bachs Magnificat sind zwar – wie sich das von selbst versteht – sämmtlich mit grosser Gründlichkeit und fester Hand geschrieben; sie tragen jedoch auch zu viele Spuren der Zeit ihres Entstehens, als dass man lebhafte Theilnahme an ihnen bey denen erwarten könnte, die sich in jene Zeit nicht versetzen können oder wollen. Die Chöre hingegen erheben sich über jede Mode, und sind für jede Zeit. Der erste, dieser Chöre, der zugleich die Einleitung zum Ganzen macht, ist kräftig, feurig – brillant sogar, geschrieben, u. gewinnet durch den Reichtum der Partie der Saiteninstrumente noch ein besonderes Interesse, wie auch einen vortheilhaften Anstrich von Neuheit. […]

Der grosse Schlusschor wird mit einer Fuge beschlossen, welche an die besondere Bestimmung des Werks (zum Preise Sebastian Bachs und zum Beleg des Kunstvermögens des Verfassers) mehr als alles Vorhergegangene erinnert. Sie versucht alles, wie in eine grosse Summe zu vereinigen, was Seb. B. über die Fuge theoretisch lehre und praktisch darstellte, ist aber dabey weit fasslicher, als die meisten grossen Fugen Sebastians – ja, sie ist so plan, als es diese Gattung selbst nur zulässt. Wer für diese nicht gebildet ist und beym Anhören der Musik seinen Verstand nicht anhaltend beschäftigen mag, dem wird sie etwas lang dünken; wenn aber alles zu Sprache kommen sollte, was hier gesagt wird, so war es der Natur der Sache nach nicht möglich, kürzer zu seyn, denn es ist auch kein Takt blosser Wiederholung, kein Takt unnöthiger Ausfüllung, fremdartiger Ausschmückung u. dgl. vorhanden. […] “1

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1. „Konzert und Oper“, in Allgemeine Musikalische Zeitung vom 24.12.1806.