Neue Herausforderungen: Carl Philipp Emanuel in Hamburg (1768–1788)

Auf eigenen Wegen – Stationen in Carl Philipp Emanuel Bachs Leben

Mit seinem neuen Amt in Hamburg waren zahlreiche und sehr unterschiedliche Aufgaben verbunden. Hamburg war eine bürgerlich geprägte Handelsmetropole mit – zumindest quantitativ – hohem Anspruch an die Kirchenmusik: An den fünf Hauptkirchen, St. Petri, St. Nicolai, St. Katharinen, St. Jacobi und St. Michaelis, sollten jährlich insgesamt um die 200 Aufführungen stattfinden, außerdem wurden viele Kompositionen für spezielle Anlässe erwartet. Zudem umfasste sein Amt den Unterricht an der Hamburger Lateinschule, dem Johanneum. Allerdings war es Carl Philipp Emanuel ebenso wie seinem Vater in Leipzig erlaubt, dies gegen eigene Bezahlung einem anderen Lehrer zu übertragen. Die hohen Erwartungen, die die Stadt an den 52-Jährigen hatte – insbesondere, was die Zahl an neuen Kompositionen anging –, lassen sich unter anderem durch das ungewöhnlich hohe Schaffenspensum Telemanns erklären, durch den die Hamburger jahrzehntelang verwöhnt worden waren.

Bach versuchte dieser starken Arbeitsbelastung durch vorausschauende Planung Herr zu werden: Für viele seiner Werke verarbeitete er bereits vorhandenes Material; seien es eigene, früher komponierte Werke oder die Werke anderer Komponisten wie Georg Anton Benda (1722–1795), Gottfried August Homilius (1714–1785), Gottfried Heinrich Stölzel (1690–1749), aber auch die seines Vaters und Telemanns. Diesen „fremden“ Werken fügte er Stimmen oder ganze Sätze hinzu, instrumentierte neu und überarbeitete Rezitative. Durch diese Pasticcio-Technik, die er insbesondere für die jährlichen Passionen anwandte, gelang ihm gewissermaßen eine moderne Interpretation des Amtes eines Musikdirektors, der neben eigenen Werken auch zahlreiche Werke zeitgenössischer und historischer Komponisten aufführte. Damit präsentierte er der Stadt gewissermaßen ein breites Spektrum an Kirchenmusik. Dass er die Namen dieser Komponisten in seinen Ankündigungen und Textdrucken nicht öffentlich machte, war im 18. Jahrhundert durchaus üblich. Auch die Quartalsmusiken, die er reihum an allen Hauptkirchen anlässlich der wichtigsten kirchlichen Festtage, Ostern, Pfingsten, Michaelis und Weihnachten, aufzuführen verpflichtet war, verfasste er zum großen Teil nicht selbst.

Hingegen komponierte er für Amtseinführungen und Beerdigungen von Würdenträgern, für die Festmusiken der Vorsitzenden der Bürgerwache – die sogenannten Bürgerkapitäne – und für andere große Festivitäten aufwendige neue Werke. Für diese Auftragskompositionen wurde er allerdings auch extra bezahlt.

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