Neue Wege als Verleger

Auf eigenen Wegen – Stationen in Carl Philipp Emanuel Bachs Leben

Seine drei Oratorien, Die Israeliten in der Wüste (1769), Passions-Cantate (1769/1770) und Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (1774), waren ein großer Erfolg im gesamten deutschsprachigen Raum. Zwei davon wurden sogar in Partitur gedruckt, was zu dieser Zeit eine Seltenheit und für Verleger sowie Komponist ein wirtschaftliches Wagnis darstellt. Heute zählen sie zu den bedeutendsten protestantischen Vokalwerken der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Doch Carl Philipp Emanuel, dessen Ruf als der Bach in der öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile den seines Vaters in den Schatten stellte, schrieb nicht nur sakrale Musik. In Hamburg entstanden seine schnell in ganz Europa verbreiteten Sammlungen von Klaviermusik, wie die in den Jahren 1779 bis 1787 „im Verlage des Autors“ in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Verleger Breitkopf publizierten sechs Sammlungen für Kenner und Liebhaber, die nicht nur Sonaten, sondern auch Modegattungen seiner Zeit (Rondos, Fantasien und anderes) beinhalteten: „Mein Hauptstudium ist besonders in den letzten Jahren dahin gerichtet gewesen, auf dem Clavier, ohngeachtet des Mangels an Aushaltung, so viel möglich sangbar zu spielen und dafür zu setzen. Es ist diese Sache nicht so gar leicht, wenn man das Ohr nicht zu leer lassen, und die edle Einfalt des Gesanges durch zu vieles Geräusch nicht verderben will. Mich deucht, die Musik müsse vornemlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern, Trommeln und Harpeggiren, wenigstens bey mir nicht.“

Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719–1794). Kupferstich gestochen von S. Halle, Berlin 1793. (Quelle: Leipzig, Bach-Archiv Leipzig, Graph. Slg. 4/6)Andere wichtige Hamburger Spätwerke, die ebenfalls im Druck erschienen, sind die großen Trio-Kompositionen Clavier-Sonaten mit einer Violine und einem Violoncell (1776 und 1777 bei Schwickert in Leipzig veröffentlicht) und die 1780 wieder „im Verlage des Autors“, also vollständig auf eigene Rechnung publizierten Orchester Sinfonien mit zwölf obligaten Stimmen.

„Von Singsachen habe ich nicht gar viel gemacht aus Ursachen, die ich Ihnen hier [in Hamburg] sagte. Nun bitte ich sehr, von dieser meiner Erklährung keinen öfentlichen Gebrauch zu machen. Es läßt sich hier nichts ändern u. ich kriege noch mehr Feinde.“ (Brief an J. N. Forkel). Was Bach hier konkret gemeint hat, wissen wir nicht – vielleicht ging es bei dieser Äußerung auch um die besonderen Umstände, unter denen er in Hamburg seine Kirchenmusik aufführen musste: Anzahl und Qualität der wenigen festangestellten Berufssänger dürften für die konzeptionell groß angelegten Hamburger Kirchenaufführungen nicht hinreichend gewesen sein. Möglicherweise widmete er sich deshalb um so intensiver seiner Tätigkeit als Verleger eigener Klavier- und Kammermusik.

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Stahlstich von Carl Schuler (1838) nach einem Gemälde von Johann Heinrich Tischbein (1765) des Älteren). (Quelle: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inventar-Nr. A 12365)In Hamburg galt C. P. E. Bach als musikalische Leitfigur. Darüber hinaus schätzte man ihn in und außerhalb von Deutschland nicht allein wegen seiner Kompositionen, sondern auch wegen seiner umfassenden Bildung, seiner Offenheit und seiner Gastfreundschaft. Ähnlich wie zuvor in Berlin fiel es ihm auch in Hamburg leicht, Freundschaften zu anerkannten Wissenschaftlern sowie Philosophen, Dichtern und Theologen der Aufklärung im ganzen Land zu knüpfen und zu bewahren. Er hatte engen Kontakt zu Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), arbeitete mit dem Hamburger Pastor Christoph Christian Sturm (1740–1786) zusammen an einer Liedsammlung und tauschte sich mit den Naturwissenschaftlern und Ärzten Johann Georg Büsch (1728–1800) und Johann Heinrich Reimarus (1729–1814) aus. Und auch mit Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) verband ihn eine Freundschaft über die Vertonung Klopstockscher Dichtungen hinaus. Berühmt wurde auch seine Korrespondenz mit dem französischen Enzyklopädisten Denis Diderot (1713–1784), der seine Klaviermusik sehr schätzte, und der vergeblich versucht hatte, Bach in Hamburg zu besuchen. Die wichtigsten auswärtigen Korrespondenzpartner waren – neben dem schon genannten Breitkopf – der Musikschriftsteller Johann Nikolaus Forkel (1749–1818) in Göttingen und nicht zuletzt Johann Jacob Heinrich Westphal (1756–1825) in Schwerin, der ein eifriger Sammler seiner Werke war und ein erstes Verzeichnis der Werke Bachs erstellte.

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