Am Preußischen Hof: Potsdam und Berlin (1738–1768)

Auf eigenen Wegen – Stationen in Carl Philipp Emanuel Bachs Leben

Abbildung von Friedrich 21738 verließ Bach Frankfurt, da er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich (1712–1787) als Cembalist in die Kapelle nach Ruppin berufen worden war. Kurze Zeit später bestieg dieser als Friedrich II. den Thron, und Carl Philipp Emanuel wurde für das Amt des Konzertcembalisten an der Hofkapelle verpflichtet. Bach, der bei seinen Zeitgenossen als freundlich und kontaktfreudig galt, fühlte sich zunächst am preußischen Hof sehr wohl. Sein Talent wurde hochgeschätzt, und so wurde ihm die „Gnade“ zuteil, „das erste Flötensolo“ Friedrichs als König „in Charlottenburg mit dem Flügel [d.i. Cembalo] ganz allein zu begleiten“, wie er voller Stolz in seiner Autobiographie schrieb. Die erste Erwähnung in den Finanzbüchern des Hofes nennt Bach als einen derer, die 1741 der Kapelle beigetreten waren; daraus lässt sich schließen, dass er die Jahre zuvor aus der Privatschatulle Friedrichs bezahlt worden war. An Friedrichs Hof wurde der Musik viel Bedeutung beigemessen, was in erster Linie auf das starke musikalische Interesse des Königs zurückzuführen ist. Friedrich der Große nahm Flötenunterricht bei Johann Joachim Quantz (1697–1773) und hatte Freude daran, regelmäßig Konzerte zu geben. Johann Friedrich Agricola (1720–1774), der seinerseits Schüler Johann Sebastian Bachs war, erteilte ihm Kompositionsunterricht.

Das Flötenkonzert in Sanssouci, Gemälde von Adolph Menzel (1850/52). Neben Friedrich dem Großen mit der Flöte und Carl Philipp Emanuel Bach am Cembalo sind hier auch Johann Joachim Quantz und Franz Benda (beide rechts, Benda mit Violine) zu sehen. (Quelle: Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Alte Nationalgalerie, Raum 1.05)

Die Kapelle des Hofs war mit über 40 Musikern eine der größten Deutschlands und genoss nicht zuletzt dank ihres Kapellmeisters Carl Heinrich Graun (1704–1759) und dessen Bruder Johann Gottlieb, der das Amt des Konzertmeisters innehatte, einen exzellenten Ruf. Dieses Umfeld schuf eine kreative Atmosphäre, in der sich auch Bach kompositorisch entfalten konnte. Sein Schaffen erreichte hier einen ersten Höhepunkt, und er begann nun verstärkt – und sehr erfolgreich –, sich um die Publikationen seiner Werke zu bemühen. Da ihm ab 1742 verschiedene „Zweite Hofcembalisten“ zur Seite gestellt wurden, fand er neben der Erfüllung seiner Pflichten als Hofcembalist offensichtlich genug Zeit zum Komponieren. Dem König widmete er 1742 seine sechs Preußischen Sonaten, dem jungen Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728–1793), den er im Klavierspiel unterwies, eignete er zwei Jahre später sechs Württembergische Sonaten zu – Werke, die heute für die Gattung der Klaviersonate als stilbildend gelten.

Neben den Klavierwerken entstanden in Berlin auch mehrere umfangreiche Liedsammlungen, zum Beispiel 1757 die Geistlichen Oden und Lieder mit Melodien von Christian Fürchtegott Gellert. 1753 erschien schließlich sein berühmter Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Hier widmet sich Carl Philipp Emanuel musiktheoretischen und musikpraktischen Fragestellungen, die weit über die Klaviermusik hinausgehen. Diese im gesamten 18. Jahrhundert einflussreichste deutschsprachige Musik- und Musizierlehre wurde in mehreren Auflagen bis 1787 nachgedruckt und ist bis heute für Musiker wie Musikwissenschaftler lesenswert.

C.  P. E. Bach, Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Zweyter Theil, Berlin 1762. (Quelle: Cambridge/Massachusetts, Harvard University Library, Merritt Mus 347.12.3 PHI)1744 heiratete er die Tochter eines Berliner Weinhändlers, Johanna Maria Dannemann, mit der er kurze Zeit später Johann Adam (1745–1789, später Johann August genannt), die Tochter Anna Carolina Philippina (1747–1805) sowie Johann Sebastian (1748–1778) bekam. Der jüngste Sohn sollte später ernsthafte künstlerische Ambitionen als Landschaftsmaler entwickeln: Wie viele Maler seiner Zeit ging er nach Rom, um sich hier inspirieren und fortzubilden zu lassen. Allerdings erkrankte er schwer, wie einem Brief Carl Philipp Emanuels an Johann Nikolaus Forkel zu entnehmen ist: „Mein armer Sohn in Rom liegt seit 5 Monaten an einer höchst schmerzhaften Krankheit danieder, u. ist noch nicht als aller Gefahr. O Gott, was leidet mein Herz! Vor 3 Monaten habe ich ihm 50 Ducaten geschickt, u. in 14 Tagen muß ich wieder 200 Reichsthaler für Doctors und Wundärzte auszahlen. Ich kan nicht mehr schreiben, als zu bitten mit mir Mitleyden zu haben und mir, wo möglich beyzustehen.“ Der frühe Tod Johann Sebastians 1778 in Rom beendete dessen Karriere jäh. Welche Gefühle den Vater danach bewegten, zeigt sich in einer der seltenen wirklich privaten Äußerungen Bachs an seinen Leipziger Verleger Breitkopf: „Liebster Herr Landsmann, Noch ganz betäubt von der traurigen Nachricht wegen des Absterbens meines lieben Sohns in Rom kan ich kaum folgendes zu Papier bringen. Ich weiß, Sie haben Mitleyden mit mir, u. Gott behüte Sie für dergleichen Schmerz.“ Das daraufhin komponierte Rondo a-Moll aus der Klaviermusiksammlung für Kenner und Liebhaber Teil II bringt diesen tiefen Schmerz in jähen Klangeruptionen zum Ausdruck.

Obwohl Carl Philipp Emanuel Bach bereits 1743 an Gicht erkrankte, konnte er sich in seinen 28 Jahren am preußischen Hofe den Ruf aneignen, einer der bedeutendsten „Clavieristen“ seiner Zeit zu sein. Über sein Klavierspiel berichtete der Dichter Matthias Claudius folgendes: „Auf dem Klavier spielte Bach zwei Adagio und ein Allegro, [...] das erste Mal, wie sie auf dem Blatte vor ihm stunden, und das zweite Mal verändert. Die Stücke waren gar nicht schwer, indessen spielte er das Allegro so geschwind und so rein dabei, daß man leichte sahe, wie er mit den schwereren Stücken umgehen werde. Sein Adagiospiel kann ich nicht besser beschreiben, als wenn ich Sie an einen Redner zu denken ganz gehorsamst ersuche, der seine Reden nicht auswendig gelernt hat, sondern von dem Inhalt seiner Rede ganz voll ist, gar nicht eilt, etwas herauszubringen, sondern ganz ruhig eine Welle nach der andern aus der Fülle seiner Seele herausströmen läßt, ohne an der Art der Herausströmung zu künsteln, wohl aber zu denken, so wie ich an diesem Gleichnis nicht gekünstelt, aber auch nicht gedacht habe. [...] Er spielte noch eine von seinen Sonaten – die Allegro fahren wie schnelle Donnerwetter unter seinen Fingern heraus, wir müssen sie nach diesem etwas geschwinder spielen.“

Und der Komponist und Musikschriftsteller Johann Friedrich Reichardt schrieb: „Seele, Ausdruck, Rührung, das hat Bach erst dem Claviere gegeben, und der Flügel konnte davon nicht anders den kleinsten Grad erhalten, als durch Hand dessen, der das Claviere zu beseelen wußte.“

C. P. E. Bach verfasste mehr als 100 Sonaten sowie viele Charakterstücke und Konzerte für das „Clavier“: Dieses war in Konzerten das Cembalo und für intimere Klänge das kammermusikalische Clavichord, da hier dynamische Unterschiede zwischen forte und piano feiner nuanciert werden konnten. Für den Konzertraum war dieses Instrument allerdings schlicht zu leise. Später war auch das moderne Fortepiano das bevorzugte Konzertinstrument, zum Beispiel in der Bauart Gottfried Silbermanns, von dem Friedrich II. erstmalig 1746 ein Instrument anschaffte.

Trotz seiner wachsenden Bekanntheit, die zu dem Beinamen „Berliner Bach“ führte, vermisste Carl Philipp Emanuel am Preußenhof jedoch die ihm von außerhalb reichlich zugemessene Anerkennung. So wollte der König ihm den Status des Komponisten und Virtuosen, den Hasse, Quantz, Agricola und die Brüder Graun genossen, offensichtlich nicht zugestehen. Nicht einmal das aufsehenerregende Treffen zwischen Vater Johann Sebastian Bach und Friedrich II. 1747 konnte den König dazu bringen, den Stand seines Cembalisten zu verbessern. Dies muss für Carl Philipp Emanuel Bach enttäuschend gewesen sein, denn in ihm reifte der Entschluss aus Berlin wegzugehen.

1749 vollendete er das Magnificat, sein bis dahin umfangreichstes Werk, das im Beisein seines Vaters kurz vor dessen Tode in Leipzig aufgeführt wurde. So gelangte er auch auf dem Gebiet der Vokal- und Kirchenmusik zu einiger Bekanntheit. Dennoch blieben seine Ambitionen auf ein höheres musikalisches Amt zunächst unerfüllt. Weder änderte sich etwas an seiner Lage in Berlin, noch hatte er – trotz der Fürsprache Telemanns – Erfolg mit seinen Bewerbungen um das Leipziger Thomaskantorat (1750 nach Tod Johann Sebastians und 1755 nach dem seines Nachfolgers Johann Gottlob Harrer).

Ab 1760 steigt die Zahl seiner Veröffentlichungen auffällig an, und mit ihr Bachs Bekanntheit außerhalb Berlins. Begünstigt wurden diese verlegerischen Aktivitäten durch das gute Verhältnis zu seinem Berliner Hauptverleger George Ludewig Winter, in dessen Haus in der Friedrichstraße die Familie Bach zeitweilig auch wohnte. Darüber hinaus versuchte er auch durch persönliche Bekanntschaften seinen Wirkungskreis zu erweitern: So besuchte er seinen Bruder Johann Christoph Friedrich Bach in Bückeburg und widmete dem dortigen Grafen Wilhelm Friedrich Ernst zu Schaumburg-Lippe (1724–1777) zwei Trios. In Hamburg suchte er den Komponisten und Musiktheoretiker Johann Mattheson (1681–1764) auf sowie seinen Paten Telemann. 1753 war er für die freigewordene Organistenstelle der Zittauer Johanneskirche im Gespräch. Ein Jahr später war er in Eisenach, teils um dort das Patenamt für Johann Carl Philipp, den neugeborenen Sohn seines Cousins Johann Ernst Bach (1722–1777), zu übernehmen, teils um im benachbarten Gotha und Kassel Konzerte zu geben. Auch wenn diese Reisen und Konzerte ihren Zweck erfüllten und dazu beitrugen, ihn zu einem weithin bekannten und allseits geschätzten Musiker zu machen, sollte der „Berliner Bach“ noch bis Ende der 1760er Jahre am Preußenhof bleiben. Zum Thema Reise schrieb C. P. E. Bach selbst: „Meine preussischen Dienste haben mir nie so viele Zeit übrig gelassen, in fremde Länder zu reisen. Ich bin also beständig in Deutschland geblieben und habe nur in diesem meinem Vaterlande einige Reisen gethan“ (Autobiographie).

Am preußischen Hof wurde die Situation mit den Jahren für Bach zunehmend unbefriedigender – inzwischen hatte er jedoch gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Als Christoph Nichelmann, der zweite Cembalist am Hofe, öffentlich Bachs Umgang mit musikalischen Affekten kritisierte, verteidigt sich dieser zunächst mit spöttischen Pamphleten, die weitere Anfeindungen Nichelmanns nach sich zogen. Bach beschwerte sich daraufhin beim König über die angebliche Bevorzugung Nichelmanns. Der weitere Verlauf der Ereignisse ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Belegte Tatsache ist allerdings, dass Nichelmann bald darauf den Hof verließ und Bachs Salär um 200 Taler und somit auf fast das Doppelte erhöht wurde. Er selbst scheint die letzten Jahre in Berlin in der Rückschau ein wenig verklärt zu haben, denn er schreibt in seiner Autobiographie, er sei „beständig in preussischen Diensten gewesen, ohngeachtet ich ein paarmal Gelegenheit hatte, vortheilhaften Rufen anderswohin zu folgen. Se. Majestät waren so gnädig, alles dieses durch eine ansehnliche Zulage meines Gehalts zu vereiteln.“

Prinzessin Anna Amalie von Preußen (1723–1787 ), Gemälde von Antoine Pesne (vor 1757). (Quelle: Wikipedia) Bei Hofe war jetzt besonders die Verbindung zur musikliebenden Schwester Friedrichs II. wichtig, der Prinzessin Anna Amalie von Preußen (1723–1787), der er seine Orgelsonaten widmete. Die zweimanualige Hausorgel der Prinzessin aus dem Berliner Stadtschloss, für die Bach diese Kleinode der Orgelliteratur schrieb, steht heute in der evangelischen Kirche in Berlin-Karlshorst. Anna Amalie würdigte Bach schließlich anlässlich der Quittierung seines langjährigen preußischen Dienstes durch einen Titel: „Die Schwester des Königes, der Prinzessinn Amalia von Preussen Hoheit, thaten mir die Gnade, mich zu Höchstdero Kapellmeister bey meiner Abreise zu ernennen“ (Autobiographie).

Geradezu hymnisch preist ihn wenige Jahre später auch Reichardt: „Und welcher Mann unter jeglichem Volke kam wohl je unserm Bach – mit seelenerhebendem Stolze nenn ich ihn unser – wer, kam ihm wohl je an Originalität, an Reichtum der edelsten und schönsten Gedanken und an überraschender Neuheit im Gesange und in der Harmonie gleich? Seine Seele ist ein unerschöpfliches Meer von Gedanken; und so wie das große Weltmeer den ganzen Erdball umfasset und tausend Ströme ihn durchdringen, so umfaßt und durchströmt Bach den ganzen Umfang und das Innerste der Kunst [...]“

Im bürgerlichen Berlin war Bach ein oft und gern gesehener Gast in den privaten Zirkeln von Musikern und Intellektuellen. Er pflegte die Bekanntschaft mit vielen damals berühmten Persönlichkeiten; so war er mit Christian Gottfried Krause (1719–1770) bekannt, dem prominentesten Vertreter der Berliner Liederschule und hatte ein freundschaftliches Verhältnis zum Musikschriftsteller Friedrich Wilhelm Marpurg (1718–1795) und zu Johann Philipp Kirnberger (1721–1783). Seine Konzentration auf private Zirkel im kulturellen Leben der Stadt kam Bach in den folgenden Jahren sehr zugute, da mit Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben ohnehin fast gänzlich zum Erliegen kam. Mit Einsetzen der Kampfhandlungen trat auch Carl Philipp in die preußische Armee ein, verließ sie aber zwei Jahre später und zog nach Zerbst, wo er bei der Familie seines Berliner Kollegen Fasch unterkam. Sein Wunsch, den königlichen Hof zu verlassen, war ungebrochen, doch auch nach Kriegsende noch nicht realisierbar. Erst als 1767 Georg Philipp Telemann in Hamburg starb und Bach sich erfolgreich für dessen Nachfolge als Musikdirektor und Kantor bewerben konnte, stand endlich ein Orts- und Amtswechsel in Aussicht. Zunächst wollte Friedrich II. ihn nicht gehen lassen, dann hinderte ihn ein besonders harter Winter am Umzug. Ostersonntag 1768 konnte er endlich sein neues Amt in Hamburg antreten, auch wenn die offizielle Amtseinführung erst zwei Wochen später, am 19. April, stattfand.

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