Die Deutsche Sappho besingt die Tochter des Weinhändlers

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Anfang 1768, als C. P. E. Bachs Wechsel von Berlin nach Hamburg längst bekannt war, erschienen in den Unterhaltungen aus Hamburg folgende Verse:

Der Du bisher mit süßem Saitentone
Den größten Erdengott entzückt,
Seit dem, daß er auf väterlichem Throne
Regierent und beglückt,

O Bach, der Du seit Friedrichs ersten Siegen
Bey königlicher Sorgenlast,
Sein Herz so oft dem fühlenden Vergnügen
Sanft aufgeschlossen hast:

Du gehst, wohin Dein günstig Glück Dich ziehet,
In jene schiffumgebne Stadt,
Die gleich dem alten Tyrus wächst und blühet,
Und fromme Bürger hat. [...]
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Anna Luisa Karsch (1722–1791), Gemälde von Karl Christian Kehrer (1791). (Quelle: Wikipedia)Ihre Verfasserin, Anna Luisa KARSCH (1722–1791), häufig nur „die Karschin“ oder die „Deutsche Sappho“ genannt, war mit C. P. E. Bach seit seiner Berliner Zeit bekannt und galt als lyrisches Naturtalent. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, hatte sie als Kuhmagd autodidaktisch lesen und schreiben gelernt. Als Stegreifdichterin erfolgreich, wurde sie 1761 nach Berlin vermittelt, wo sie von Sulzer, Lessing und Karl Wilhelm Ramler gefördert wurde. Über diese dürfte ihre Bekanntschaft mit Bach zustande gekommen sein. Gleim gab 1764 ihre erste Gedichtsammlung heraus. Der naive Preußen-Patriotismus, mit dem sie Friedrichs II. militärischen Erfolgen huldigte, dürfte ganz nach seinem Geschmack gewesen sein. Der gerühmte Preußen-König versprach der jungen Dichterin ein eigenes Haus, das sie jedoch erst von seinem Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., erhielt.

Auch C. P. E. Bachs Ehefrau JOHANNA MARIA (1724–1795), Tochter des Berliner Weinhändlers Dannemann, die Bach als dessen Kunde kennengelernt haben dürfte42 und die er Anfang 1744 geheiratet hatte, wurde von der Karschin gehuldigt:

Frau, sey du mir gegrüßt von neuer Freunden Gruß
Und dreymahl grüße dich der sannftte Morgenkuß
Vom allerliebsten Bach Er soll von meinetwegen
Dich mehr entzücken un dir den geschmak erregen
So daß du angenehm ihm in das Auge lachst
Und neue Forderung auf neue Küße machst [...]
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41. Marc Vignal, Bach-Söhne, S. 127.

42. Dorothea Schröder, Bach, S. 43 f.

43. Zitiert nach: Ebd., S. 44