Berliner Freunde Bachs aus dem Umkreis der Aufklärung

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Johann Georg Sulzer (1720–1779), Gemälde von Anton Graff (um 1780). (Quelle: Wikipedia)Gleichgesinnte und Freunde fand C. P. E. Bach weniger im Kreise der Hofmusiker in Potsdam, als unter Dichtern und Schriftstellern in Berlin. Das Berlin der 1740er Jahre war die Hochburg der deutschen Aufklärung, deren Anhänger sich in nach englischem Vorbild gegründeten Debattierclubs trafen, um über kunsttheoretische, musikästhetische oder auch politische Themen zu diskutieren. Auch Bachs eigene Wohnung im Haus des Verlegers Georg Ludwig Winter in der Friedrichstraße, wo er mit seiner Familie seit 1760 wohnte, war ein Zentrum geistigen Austauschs.29 Über den sogenannten Berliner Montags-Klub bestanden freundschaftliche Kontakte Bachs zu dem Dichter Karl Wilhelm RAMLER (1725–1798), dem Kritiker und angehenden Dramatiker Gotthold Ephraim LESSING (1729–1781), den Musikern Christian Gottfried KRAUSE (1719–1770) und Johann Friedrich AGRICOLA (1720–1774) sowie dem Philosophen Johann Georg SULZER (1720–1779). Auch zu MOSES MENDELSSOHN (1729–1786), als Begründer der deutschen Popularphilosophie eine der zentralen Gestalten der Aufklärung, und zu dem Schriftsteller und Publizisten Christoph Friedrich NICOLAI (1733–1811), in dessen Zeitschrift Allgemeine Deutsche Bibliothek viele seiner Kompositionen besprochen wurden, hatte Bach Kontakt.30

Die Gründung des Montags-Klubs 1749 war von Sulzer mitinitiiert worden.31 Sulzer, aus der Schweiz stammend, wo er eine umfassende Bildung in Theologie und den Naturwissenschaften, aber auch in bildender Kunst und Poetik erworben hatte, wirkte in Berlin anfangs als Mathematik-Professor (1747). Als er 1775 Direktor der philosophischen Klasse an der Akademie der Wissenschaften wurde, war das Buch, das ihn berühmt machte, bereits erschienen: die vierbändige, am Vorbild der französischen Aufklärungs-Enzyklopädien orientierte Allgemeine Theorie der schönen Künste (1771–1774), ein weitverbreitetes Kompendium der Ästhetik.

Die darin vertretene psychologische These von der das Urteilsvermögen und die Persönlichkeit stärkenden Wirkung der Betrachtung von Kunst- und Naturschönheit traf den Nerv der Zeit und bereitete dem deutschen Idealismus den Boden (Kant, Schiller).32 Einerseits formal noch dem dogmatischen Rationalismus der Wolffschen Philosophie verhaftet, andererseits inhaltlich mit der Diskussion der Originalgenie-Thematik auf der Höhe der zeitgenössischen Debatte, nimmt Sulzers Ästhetik geistesgeschichtlich eine der Musik C. P. E. Bachs vergleichbare Übergangsstellung ein.

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29. Dorothea Schröder, Bach, S. 43.

30. Hans-Günther Ottenberg, Bach, S. 93f.

31. Josef Johannes Schmid, Friedrich der Große, S. 309.

32. Victor Lange, Das klassische Zeitalter der deutschen Literatur. 1740–1815, München 1983, S. 52 f.