Friedrichs II. „märkisches Arkadien“ Rheinsberg und die Musiker seiner Hofkapelle

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Johann Joachim Quantz (1697-1773), Kupferstich von Johann David Schleuen d.Ä. (1767).  (Quelle: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inventar-Nr. A 17045)Zwei von C. P. E. Bachs Kommilitonen aus seiner Studienzeit in Frankfurt (Oder) waren die Söhne des preußischen Ministers Franz Wilhelm von Happe, und durch sie ist wahrscheinlich Bachs Kontakt zu seinem künftigen Dienstherr Friedrich II. zustande gekommen11. Bachs „Berliner Zeit“ beginnt 1738 jedoch zu einem Zeitpunkt, wo Friedrich, damals noch preußischer Kronprinz, sich noch gar nicht in der Stadt selbst, sondern überwiegend im nahe Berlin in der Grafschaft Ruppin gelegenen Schloss Rheinsberg aufhielt12. Das Schloss hatte Friedrich II. von seinem Vater geschenkt bekommen, und was als Gabe zunächst so unvereinbar mit dessen militärisch-asketischer Härte gegen den Sohn erscheint, war durchaus nicht ohne Hintergedanken geschehen. Schloss Rheinsberg sollte dem Kronprinzen und seiner Gattin, ELISABETH CHRISTINE VON BRAUNSCHWEIG (1715–1798), die bisher wenig Interesse aneinander gezeigt hatten, als Liebesnest dienen, um dringend ersehnte Nachkommenschaft hervorzubringen13.

Zunächst nur die Ruine einer alten Wasserburg, freilich sehr idyllisch von Wäldern umgeben am Grienericksee gelegen, war Rheinsberg von Georg Wenzeslaus VON KNOBELSDORFF (1699–1753), dem späteren Baumeister von Friedrichs II. Residenz Potsdam, 1734–1737 zur Schlossanlage mit antikisierenden Einflüssen umgestaltet worden.

Gottfried Hempel, Schloß Rheinsberg (1764, Verlust). (Quelle: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, GK I 8430)

In dieser abgeschiedenen Lage, seinem so von ihm titulierten „märkischen Arkadien“, lebte Friedrich nun die von seiner Mutter geerbten und von seinem Vater verabscheuten musisch-literarischen Neigungen aus. Hier versammelte er eine illustre Gesellschaft von Künstlern, Musikern, Diplomaten und Gelehrten, nahm die Korrespondenz mit dem von ihm bewunderten Voltaire auf und widmete sich – Flöte spielend und komponierend – der Musik. Seine Hofkapelle umfasste bereits siebzehn Musiker, in Potsdam sollten es später mehr als doppelt so viele sein. Kurz, Friedrich hielt „Musenhof“ in Rheinsberg.

Spätestens mit Friedrichs Regierungsantritt 1740 und seinem Umzug nach Berlin dürfte C. P. E. Bach auch die Musiker aus der Hofkapelle kennengelernt haben, die wie er selbst erst zu diesem Zeitpunkt offiziell in Friedrichs Dienste traten:

Kapellmeister Carl Heinrich GRAUN (1704–1759) hatte sich Friedrich schon zu dessen Hochzeit als Komponist der Oper La Specchio del Fedeltà empfohlen, sein Bruder Johann Gottlieb GRAUN (1701/02–1771) war als Konzertmeister eher der Instrumentalmusik zugetan und wurde am preußischen Hof später folgerichtig Cammer-Musicus. Er war Geigenlehrer von C. P. E. Bachs älterem Bruder Wilhelm Friedemann in dessen Zeit in Merseburg (1726/27) gewesen. Beide waren als Komponisten von Johann Adolf HASSE (1699–1783) geprägt, der am Dresdner Kurfürstenhof in Diensten stand. In Neapel ausgebildet, verlieh er dem Einfluss der italienischen Musik insbesondere in der Opera seria in Deutschland eine heitere Einfärbung14 und wirkte noch auf Mozart. Die Musik Hasses und der Brüder Graun war für Friedrich das maßgebliche Formmodell, an dem er bis ins Alter starr festhielt.

Bekanntschaft machte C. P. E. Bach ebenfalls mit den beiden aus Böhmen stammenden Violinisten Franz (1709–1786) und Johann Georg Benda (1713–1752). Franz (František) Benda, der später Nachfolger Grauns als Kapellmeister wurde, begleitete Friedrichs fast gesamtes musikalisches Leben und starb nur wenige Monate vor ihm. Besonders gut verstanden haben dürfte sich C. P. E. Bach mit einem weiteren der insgesamt vier Benda-Brüder, Georg Anton (Jiři Antonin) Benda (1722–1795), der allerdings erst nach Friedrichs Regierungsantritt in dessen Dienste trat (1742).15 Denn im Unterschied zu den meisten der bei Friedrich versammelten Musikern, pflegte er als Komponist wie Bach einen fortschrittlichen Sturm und Drang-Stil, der noch Beethoven beeinflussen sollte16.

Derjenige aber, der die Brüder Benda an Friedrichs Hof vermittelt hatte, darf als die wichtigste musikalische Persönlichkeit an diesem gelten, als Friedrichs musikalischer Intimus: Johann Joachim QUANTZ (1697–1772). Der virtuose Flötist, Autor eines einflussreichen Versuchs über die wahre Art die Flöte traversière zu spielen (1752)17 war nach zahlreichen Stationen, die ihn u. a. nach Dresden, Wien, Rom, Paris und London geführt hatten, 1728 zum ersten Mal Friedrich in Berlin begegnet und von diesem nach einem Vorspiel vom Fleck weg engagiert worden.

Das Flötenkonzert in Sanssouci, Gemälde von Adolph Menzel (1850/52). Neben Friedrich dem Großen mit der Flöte und Carl Philipp Emanuel Bach am Cembalo sind hier auch Johann Joachim Quantz und Franz Brenda (beide rechts, Franz Brenda mit Violine) zu sehen. (Quelle: Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Alte Nationalgalerie, Raum 1.05)

In seiner fürstlich dotierten Stellung als Hof-Compositeur und Cammer-Musicus (ab 1741) komponierte er mindestens 300 Flötenkonzerte und 200 Flötensonaten, Exklusivwerke für Friedrich II., die deshalb auch nicht im Druck erscheinen durften.18 Quantz war es auch als einzigem Musiker erlaubt, Friedrichs Flötenspiel zu loben oder zu kritisieren.19

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11. Marc Vignal, Bach-Söhne, S. 64.

12. Dass C. P. E. Bach selbst bereits in Rheinsberg zu Friedrichs Hof gehörte, ist nicht belegbar. – Vgl. Günther Wagner, Anmerkungen zur Berliner Zeit Carl Philipp Emanuel Bachs. In: Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung 2001, S. 47.

13. Tom Goeller, Der alte Fritz, Hamburg 2011, S. 107 f.

14. Peter Rummenhöller, Vorklassik, S. 50 f.

15. Marc Vignal, Bach-Söhne, S. 68.

16. Josef Johannes Schmid, Friedrich der Große – Das Personenlexikon, Darmstadt/Main 2012, S. 51 f.

17. Man beachte die Ähnlichkeit im Titel mit C. P. E. Bachs eigener Abhandlung!

18. Charles Burney, Carl Burney's der Music Doctors Tagebuch seiner Musicalischen Reisen. Bd. 3, Durch Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Hamburg und Holland, Hamburg 1773, S. 110

19. Ebd. und Josef Johannes Schmid, Friedrich der Große, S. 273.