Das Hamburger Musikleben um 1770

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Georg Philipp Telemann (1681–1767), Kupferstich von Georg Lichtensteger (um 1745). (Quelle, Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inventar-Nr. A 21703)Das Musikleben der Freien und Hansestadt Hamburg war in den 1770er Jahren, als C. P. E. Bach – nun bereits ein berühmter Komponist – hier die Nachfolge seines Patenonkels Georg Philipp TELEMANN (1682–1767) als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen antrat, anders als dasjenige Berlins. Wurde dort der Opernbetrieb mit einem Programm ausschließlich nach dem rigiden Geschmack des Königs (und von diesem finanziert) selbst dann aufrechterhalten, wenn das Publikum auszubleiben drohte, so konnten die Gründe für den Niedergang der berühmten Hamburger Barockoper am Gänsemarkt dagegen im Handelsgeist derjenigen Bürger gesehen werden, von deren finanziellen Zuwendungen die Existenz der Oper abhing. War man der Meinung, der Opernbetrieb gefährde die Handelsgeschäfte, so entzog man ihr kurzerhand die Unterstützung.47

Freilich lag das Ende der Oper, in der Händel 1706 mit Almira seinen ersten Erfolg hatte feiern können, wo Johann MATTHESON (1681–1764) und schließlich auch noch Telemann gewirkt hatten, zu Bachs Amtsantritt bereits dreißig Jahre zurück.

Konnte sich das kulturelle Leben der Hansestadt auch nicht mit der Vielfältigkeit in Preußens Hauptstadt messen, so war die musikalische Publizistik hier erstaunlicherweise sogar reger und deutschlandweit führend.48

Die 1761 erfolgte Eröffnung eines neuen Konzerthauses am Valentinskamp – beheizbar und mit hervorragender Akustik –, welches das alte Drillhaus an der Binnenalster ablöste,49 kam dem ehrgeizigen Vorhaben Bachs, namentlich dem von seinem Patenonkel begründeten öffentlichen Konzertleben neues Leben einzuhauchen, sehr entgegen. Bei seinen musikunternehmerischen Aktivitäten sicherte sich Bach durch das Einwerben von Vorbestellungen ökonomisch ab: gespielt oder gedruckt (Bach vertrieb seine Kompositionen teilweise im Eigenverlag) wurde nur, wenn genügend Subskribenten gab. Dabei ließen sich die Namen berühmter Subskribenten werbewirksam für Unentschlossene einsetzen.50

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47. Ebd., Bach, S. 156. – Zur Bizarrerie der Hamburger merkantilistischen Mentalität vgl. auch Heinrich Miesner, Philipp Emanuel Bach in Hamburg, Wiesbaden 1969, S. 24.

48. Hans-Günther Ottenberg, Bach, S. 157.

49. Dorothea Schröder, Bach, S. 60.

50. Ebd., S. 81.