Empfindsamkeit und Freundschaftskult: Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803), Kupferstich von Friedrich Johann Kauke (1759) nach einem Gemälde von Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (Quelle: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inventar.-Nr. A 7824Einem Mann von geistigem Rang in Deutschland dürfte es Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kaum möglich gewesen sein, nicht irgendwann im Laufe seines Lebens mit Johann Wilhelm Ludwig GLEIM (1719–1803) bekannt – oder besser gleich: befreundet – zu sein. Und so gehörte auch C. P. E. Bach seit seiner Berliner Zeit ab 1740 zum stetig wachsenden Freundeskreis Gleims, der damals als Hauslehrer und Sekretär in Potsdam und Berlin lebte. Wie kein Zweiter verstand es der Dichter leicht beschwingter Rokoko-Schäferpoesie, durch seine liebenswürdige und generöse Art, vor allem junge mittellose Dichter an sich zu binden – nicht zuletzt durch finanzielle, aber auch ideelle Förderung. Dass es mit dem literarischen Rang seiner eigenen Dichtung dabei vielleicht nicht allzu weit her war, deutet Goethe mit mildem Spott in Dichtung und Wahrheit an:

„Er hätte wohl ebensowohl des Atemholens entbehrt als des Dichtens und Schenkens, und indem er bedürftigen Talenten aller Art über frühere oder spätere Verlegenheit hinaus und dadurch wirklich der Literatur zu Ehren half, gewann er sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gerne gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.“33

Dennoch hat Gleim Verdienste nicht allein um die Förderung des deutschen Literaturbetriebs. Auch wenn die anakreontische Dichtung,34 als deren deutscher Hauptvertreter Gleim gelten kann, mit ihrer Galanterie und dem immer gleichen gräzisierenden Landschafts- und Personenrepertoire ganz dem achtzehnten Jahrhundert angehört, so hat ihr leichter, liedhafter Tonfall doch dazu beigetragen, die deutsche Sprache von der barocken Schwere gelehrter Alexandriner-Verse zu befreien.35 Nebenbei ist der junge Goethe der lyrischen Modewelle galanter Schäfertändelei ebenso wenig entgangen wie Schiller, Lessing, Klopstock, um nur die berühmtesten zu nennen.36

Mit der Anakreontik inhaltlich eng verwandt ist auch das Genre der Idylle, das sich in der Nachfolge der antiken Dichter THEOKRIT (dem eigentlichen Begründer der Schäferdichtung) und VERGIL der literarischen Verklärung des einfachen Landlebens verschrieb, und – üblicherweise als Versepos verfasst – auch Prosadichtung sein konnte. Mit einem ihrer beliebtesten Dichter, Johann Heinrich VOSS (1751–1826) war, C. P. E. Bach ebenfalls befreundet. Voß, heute fast nur noch als Übersetzer von Homers Ilias und Odyssee bekannt, gab der Idyllendichtung mit seiner populären Luise (1795) später eine zeitgenössisch-realistische Färbung.

Der eher bescheidene literarische Wert der anakreontischen Lyrik sollte nicht unabhängig von dem in der Epoche der Empfindsamkeit generell verbreiteten Freundschaftskult gesehen werden, vielmehr wird er verständlich, wenn man die Dichtung als Erweiterung dieses Kults begreift. Die Einfachheit der Schäferlyrik machte sie als Gebrauchslyrik auch für Dilettanten tauglich, zu einem Freundschaftstreffen ein Gedicht mitzubringen, ebenso wie man die Innigkeit solcher Treffen nachträglich in langen Tagebucheinträgen und gefühlstrunkenen Briefen an den Gastgeber beschwor.

Tatsächlich nahm der Freundschaftskult bei Gleim, nachdem er 1747 nach Halberstadt im Harz umgezogen war, um eine einträgliche Stelle als Sekretär des säkularisierten Hochstifts der Stadt anzutreten, Züge einer Privatreligion an: den zentralen Raum seines Hauses machte er zur Kultstätte mit einer riesigen Sammlung von Ölporträts seiner Freunde, ebenso bewahrte er Erinnerungsstücke auf wie z. B. die Feder, mit der Klopstock geschrieben hatte.37

Möglicherweise ist C. P. E. Bach durch diese Freundesgalerie im Hause Gleims, den er 1751 im Anschluss an eine Hamburg-Reise in Halberstadt besuchte, selbst angeregt worden, eine Sammlung von Porträts befreundeter Musiker und Theoretiker anzulegen.38 Ob er mit dem Charakterstück für Klavier La Gleim von 1755 (Wq 117/19) wirklich dem Dichter ein Denkmal gesetzt hat oder vielleicht dessen Nichte Sophie Dorothea39 (immerhin ist der Artikel feminin) sei dahingestellt, er hat ohnehin mehrere Gedichte seines Freundes und anderer Anakreonteen vertont.

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33. Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit. In: Johann Wolfgang von Goethe, Hamburger Ausgabe, München 121994, S. 400.

34. Der Name leitet sich von einem sagenumwobenen Dichter des 6. Jahrhunderts v. Chr. namens Anakreon her. Seine Dichtung war (wie die Gleims) vorsätzlich unpolitisch und den Freuden des Diesseits zugewandt.

35. Jürgen Stenzel, Nachwort. In: J. W. L. Gleim, Gedichte, hrsg. von Jürgen Stenzel, Stuttgart 1969, S. 161.

36. Bernd Jentzsch, Nachwort. In: Lauter Lust, wohin das Auge Gafft, hrsg. von Bernd Jentzsch, Leipzig 1991, S. 173.

37. Jürgen Stenzel, Nachwort, S. 159.

38. Carl Philipp Emanuel Bach, Briefe und Dokumente. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Ernst Suchalla, 2 Bde., Göttingen 1994 (= Veröffentlichung der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg 80, 1/2), Nr. 556.

39. Marc Vignal, Bach-Söhne, S. 117.