Lessing, Goeze, Sturm und Bach – Streit um religiöse Toleranz

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Lithographie von Eduard Schulz (1822).  (Quelle: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inventar-Nr. A 12382)Lessing, mit dem C. P. E. Bach seit den 1740er Jahren in Berlin befreundet war, hat sich mit seiner Hamburgischen Dramaturgie scheinbar in die Kulturgeschichte der Hansestadt eingeschrieben. Doch Lessings Hamburger Aufenthalt währte nur drei Jahre, nämlich von 1767–1770, und er war nicht gerade von beruflichen Erfolgen begleitet. Eine deutsche Nationalbühne, die er in der Stadt hatte etablieren wollen, musste nach drei Jahren schließen, und ein Verlagsunternehmen, das er mit Johann Christoph Bode gegründet hatte, stand kurz vor dem finanziellen Ruin.55 Wie bittere Ironie wirkt es, dass er, um eine Bibliothekarsstelle bei Herzog Carl von Braunschweig in Wolfenbüttel annehmen zu können, die eigene Bibliothek verkaufen musste, um seine Schulden zu tilgen.56 Doch das freundschaftliche Verhältnis mit C. P. E. Bach, den er bei Reimarus wiedergetroffen haben dürfte, war – davon unberührt – gut und sehr eng57.

Auch als Lessing bereits in Wolfenbüttel lebte, traf er Bach bei seinen sporadischen Besuchen in Hamburg. Über Reimarus, genauer dessen Vater, Hermann Samuel REIMARUS (1694–1768), der Theologe und Philologe war, kam es jedoch zu einem Streit Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior GOEZE (1717–1786), der in dieser Funktion auch der oberste Dienstherr Bachs war. Lessing hatte 1774 eine Schrift von Reimarus d. Ä. – sicherheitshalber unter dem Titel Fragmente eines Ungenannten – veröffentlicht, die dieser, jüngst verstorben, sich zu Lebzeiten nicht zu veröffentlichen gewagt hatte. Darin meldete er philologisch begründeten Zweifel an der Berechtigung des alleinigen Offenbarungsanspruchs der Bibel an – ein Affront für den orthodoxen Theologen Goeze, der in intoleranter Weise polemisierte und die Behörden zum Einschreiten aufrief. Als der Streit mit Lessings Polemik Anti-Goeze zu eskalieren drohte, wurde ihm von Carl von Braunschweig jegliche weitere theologische Publikation untersagt. Lessing verlegte die Thematik der religiösen Toleranz schließlich in sein letztes großes Drama Nathan der Weise.

Weniger bekannt als der berühmte Goeze-Streit ist C. P. E. Bachs indirekte Stellungnahme dazu in Form von zwei Sammlungen von jeweils Dreißig geistlichen Gesängen von Herrn Christoph Christian Sturm (Wq 197/198) von 1780/81. Die religiöse Welt- und Natursicht des – überaus beliebten – Pastors Christoph Christian Sturm (1740–1786) stand derjenigen Reimarus' nahe, allerdings auf der Ebene des religiösen Gefühls. Die Sturm-Gesänge können als Bachs musikalischer Anti-Goeze betrachtet werden.

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55. Marc Vignal, S. 289 f.

56. Eckhart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 1981, S. 289.

57. Heinrich Miesner, Bach, S. 37.