Musikästhetische Debatten, schreibende Musiker, musizierende Schriftsteller

Carl Philipp Emanuel Bach – Menschen und Orte

Denis Diderot (1713–1784), Gemälde von Louis-Michel van Loo (1767). (Quelle: Wikipedia)Unter den Intellektuellen, mit denen C. P. E. Bach befreundet oder bekannt war, gab es mindestens so viele Dichter und Schriftsteller wie Musiker. Um dies zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass es um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine angeregte musikästhetische Debatte mit einer Fülle von entsprechenden Traktaten gab (zu denen Bach bekanntlich 1753 seinen eigenen Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen beitrug). Das Verhältnis von Musik und Literatur war mitunter von intensiverem Gedankenaustausch geprägt, als zu anderen Zeiten.2 Selbst der einflussreiche JEAN JACQUES ROUSSEAU war eine musikalisch-schriftstellerische Doppelbegabung und veröffentlichte 1765 einen Dictionnaire de musique, während der durch seine Enzyklopädie berühmte Aufklärer DENIS DIDEROT, der in C. P. E. Bachs Musik seine eigenen Musikanschauungen verwirklicht sah,3 Bach 1774 sogar in Hamburg einen Besuch abstatten wollte. Es befanden sich unter Bachs schreibenden Bekannten also nicht wenige musizierende Schriftsteller und schriftstellernde Musiker. Vor allem sind hier zu nennen JOHANN FRIEDRICH REICHARDT (1752–1814), JOHANN NIKOLAUS FORKEL (1749–1818), JOHANN FRIEDRICH AGRICOLA (1720–1774), CHRISTOPH DANIEL EBELING (1741–1817), HEINRICH WILHELM VON GERSTENBERG (1737–1823) und der Engländer CHARLES BURNEY (1726–1814).

Nicht zuletzt sind C. P. E. Bachs eigene Kompositionen vom Wechselspiel von Musik und Sprache geprägt, und dies nicht allein dort, wo der Zusammenhang offenkundig ist, wie in der Vielzahl von Liedern, sondern auch in der ausgesprochen „beredten“ Klaviermusik.4

Das Interesse der Aufklärungsepoche an Musikästhetik war im übrigen Teil eines allgemeinen Interesses an Ästhetik, an Betrachtungen von Schönheit und Erhabenheit in Kunst und Natur, das zur Einführung der Ästhetik als eigenständige Disziplin der Philosophie durch ALEXANDER BAUMGARTEN führte (Aesthetica, 1750–58) und zwei Jahre nach C. P. E. Bachs Tod in Kants Kritik der Urteilskraft (1790) seinen Höhepunkt fand.

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 2. Freilich war dies auch eine Besonderheit des norddeutschen, insbesondere des Berliner Musiklebens der Aufklärungszeit. – Vgl. Marc Vignal, Die Bach-Söhne, Laaber 1999, S. 69 f.

 3. Hans-Günther Ottenberg, Carl Philipp Emanuel Bach, Leipzig 1982, S. 201.

 4. Wenn von Bachscher Klaviermusik die Rede ist, ist der Konvention seiner Zeit entsprechend Musik für jegliche Art von Tasteninstrument (Cembalo, Clavichord, Fortepiano) mit Ausnahme der Orgel gemeint.