„Aus der Seele muß man spielen…“

02. August 2014

Carl Philipp Emanuel Bach veröffentlichte 1753 im Selbstverlag den ersten Teil seines Versuchs über die wahre Art das Clavier zu spielen in Berlin; der zweite Teil folgte 1762. Noch zu Bachs Lebzeiten erschienen drei weitere Auflagen. Das musikpädagogische Lehrwerk gilt als die bedeutendste Klavierschule des 18. Jahrhunderts. Auch nach Bachs Tod hat der Versuch nichts an seiner Bedeutung verloren und an Popularität eingebüßt, Bis in unsere Gegenwart sind etwa fünfzig Neudrucke und Faksimile-Nachdrucke veröffentlicht worden. Das Lehrwerk wurde zudem ins Englische, Französische, Italienische, Finnische, Russische und Japanische übersetzt und ist heute weltweit verbreitet.

Mit dem Versuch revolutionierte Bach die Technik des modernen Klavierspielens und begeisterte nicht nur die Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven. Mit Raffinesse, viel Kenntnis und der Liebe zum Detail erläutert er im ersten Teil auf mehr als 130 Seiten die drei „Hauptstücke“: „Von der Fingersetzung“, „Von den Manieren“ und „Vom Vortrage“. Nur zwei Auszüge seien im Folgenden wiedergegeben:

Vorrede:

„So viele Vorzüge das Clavier besitzet, so vielen Schwürigkeiten ist dasselbe zu gleicher Zeit unterworffen. Die Vollkommenheit desselben wäre leichte daraus zu erweisen, wenn es nöthig wäre, weil es diejenigen Eigenschafften, die andere Instrumente nur eintzeln haben, in sich vereinet; weil man eine vollständige Harmonie, wozu sonst drey, vier und mehrere Instrumente erfordert werden, darauf mit einmahl hervor bringen kan, und was dergleichen Vortheile mehr sind. Wem ist aber nicht zugleich bekannt, wie viele Forderungen an das Clavier gemachet werden; wie man sich nicht begnüget, dasjenige von einem Clavierspieler zu erwarten, was man von jedem Instrumentisten mit Recht fordern kan, nemlich die Fertigkeit, ein für sein Instrument gesetztes Stück den Regeln des guten Vortrages gemäß, auszuführen? [..]"1

Titelblatt, C.P.E. Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, Berlin 1753.Das dritte Hauptstück: Vom Vortrage

§7. „Wegen Mangel des langen Tonhaltens und des vollkommnen Ab- und Zunehmen des Tones, welches man nicht unrecht durch Schatten und Licht mahlerisch ausdrückt, ist es keine geringe Aufgabe, auf unserm Instrumente ein Adagio singend zu spielen, ohne durch zu wenige Ausfüllungen zu viel Zeitraum und Einfalt blicken zu lassen, oder durch zu viele bunte Noten undeutlich und lächerlich zu werden. Indessen, da die Sänger und diejenigen Instrumentisten, die diesen Mangel nicht empfinden, ebenfals nur selten die langen Noten ohne Zierathen vortragen dürfen, um keine Ermüdung und Schläfrigkeit blicken zu lassen, und da bey unserm Instrumente dieser Mangel vorzüglich durch verschiedne Hülfsmittel, harmonische Brechungen, und dergleichen hinlänglich ersezet wird, über dieses auch das Gehör auf dem Claviere mehr Bewegung leiden kan, als sonsten: so kan man mit gutem Erfolge Proben ablegen, womit man zufrieden seyn kan, man müßte denn besonders wieder das Clavier eingenommen seyn. Die Mittelstrasse ist freylich schwer hierinnen zu finden, aber doch nicht unmöglich; zudem so sind unsere meisten Hülfsmittel zum Aushalten; z.E. die Triller und Mordenten, bey der Stimme und andern Instrumenten so gut gewöhnlich als bey dem unsrigen. Es müssen aber alle diese Manieren rund und dergestalt vorgetragen werden, daß man glauben s ollte, man höre blosse simple Noten. Es gehört hiezu eine Freyheit, die alles sclavische und maschinenmäßige ausschliesset. Aus der Seele muß man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel. Ein Clavierist von dieser Art verdient allezeit mehr Dank als ein andrer Musikus. Diesem leztern ist es ehe zu verdenken, wenn er bizarr singt oder spielt, als jenem.“2

AS


1. C.P.E. Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, Teil 1, Berlin 1753; Neudruck Leipzig 1976 und häufiger

2. Ebd..