Bach darf das - Die Streichersinfonien

11. Oktober 2014

Einen großen Bewunderer fand Bach in dem Baron Gottfried van Swieten. Die förderte maßgebliche Mozart und Haydn und wie schon diese beiden sich auf den „Großen Bach“ beriefen und bewundernde Worte fanden, so war auch van Swieten von dem genuinen Stil des Hamburger Komponisten zutiefst berührt.

Es ergaben sich freundschaftliche Beziehungen, die für Philipp Emanuel sehr förderlich gewesen waren. Seine Verbreitung in Österreich, insbesondere Wien, wurde maßgeblich durch den Baron betrieben. Schließlich kam es zu einem folgenreichen Auftrag, der schließlich zu dem vielleicht wegweisendsten Werk in Bachs Gesamtwerk führte.

Gottfried van Swieten, Kupferstich von Johann Ernst Mansfeld. (Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, Objektnummer: #2944080)Doch es ist in diesem Zusammenhang nicht ganz zutreffend, von einem Auftrag zu sprechen. Denn es handelte sich nicht um gewöhnliche Gebrauchsmusik, die der Gesandte des österreichischen Kaiserhauses wünschte – der feinsinnige Kunstkenner und Musikliebhaber räumte vielmehr die Möglichkeit ein, im besten Sinne autonome Musik zu schaffen. Er solle eine Symphonie schreiben, ohne in irgendeiner Weise Rücksicht auf Inhalt oder spielerische Schwierigkeit zu nehmen, also wahrlich das ausdrücken, was ihn musikalisch in seinem tiefsten Inneren bewegt. Was für ein Glücksfall war diese Aufgabe in einer Zeit, wo die Wahrnehmung von Komponisten noch vielfach vom Bild des Handwerkers oder Theoretikers bestimmt war und die Anerkennung als individueller Künstlers noch in weiter Ferne lag.

Die sechs Sinfonien für vierstimmiges Streichorchester und Basso continuo verdichteten sich schließlich alle musikalischen Entwicklungen Bachs zu einer klanglichen Essenz, die Zeitgenossen verblüffte, begeisterte, aber auch überforderte. Das Werk sprengte die konservativen Vorstellungen seiner Zeit und kündigte an, was spätere Komponisten sich erst nach erkämpfen mussten. Nicht jeder kam mit dieser Fülle an Ideen, Formen und Klängen, die sich in dieser Komposition auf engen Raum drängte, zurecht. Selbst der Dichterfreund Lessing äußerte sich kritisch:

„Eine Sinfonie, die in ihren verschiednen Sätzen verschiedne Leidenschaften ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Sinfonie muß nur eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß eben dieselbe Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit, oder nach den mancherlei Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaft, ertönen lassen, und in uns zu erwecken suchen.“1

Obwohl diese Meinung wohl einige Zeitgenossen teilten, hielten sich die Kritiker mit ihren überkommenen Vorstellungen zurück. Die meisten ahnten wohl, dass sie es hier mit einem Werk zu tun hatten, welches sich nicht mit geltenden Maßstäben beurteilen ließ. Der einflussreiche Komponist und Musikschriftsteller Johann Friedrich Reichardt etwa nahm eine durchaus ähnliche Position wie Lessing ein. In den Streichersinfonien aber erkannte er Bachs ureigene Genialität.

Schwerlich ist je eine musikalische Composition von höherm, keckerm, humoristischerm Charakter einer genialen entströmt.“

Ganz folgerichtig kam er in einem Text, indem er seine musikästhetischen Ansichten präzisiert, zum folgenden Schluss:

Nur Bach und Hayden bedürfen alles zu allem um ihre originelle Laune darzustellen.“2

CLF


1. Zitiert nach: Hans-Günter Ottenberg, Carl Philipp Emanuel Bach, 2. Aufl., Leipzig 1982, S. 181.

2. Ebd., S. 181-182.