Bachstadt Frankfurt (Oder)?

10. Mai 2014

Was macht eine Stadt zur Bach-Stadt, genauer zu einer Carl Philipp Emanuel Bach-Stadt? Die Anzahl der Jahre, die der Komponist hier verbrachte; die Quantität und Qualität seiner kompositorischen Produktion in seinem Wirkungsort; die Häufigkeit und Intensität seiner damals und heute aufgeführten Werke? Auf den Bach-Sohn bezogen kann und will sich Frankfurt weder mit Berlin noch mit Hamburg messen und doch steht ihr dieser Titel, der auch zugleich ein Stück Wertschätzung für die Pflege und Erforschung des Musikers beinhaltet, durchaus zu.

Frankfurt war nicht nur, wie unsere bisherigen Beiträge verdeutlichen, eine Stadt, in der sich Bach Rüstzeug und wichtige Orientierungen für seine künstlerische Laufbahn erwarb, Frankfurt pflegt und erforscht den Komponisten seit mehr als einem halben Jahrhundert. Anteil daran haben viele Personen und Institutionen, für die stellvertretend Hans Stein, Initiator der Konzerte auf historischen Instrumenten, Hans Günter Ottenberg, der erste Dramaturg der Frankfurter Konzerthalle und Mitgestalter der international beachteten Frankfurter Bachsymposien, Herausgeber der Publikationsreihe „Bach-Konzepte“ und Begründer der ständigen Bachausstellung sowie Wolfgang Jost, langjähriger Direktor der Konzerthalle und Künstlerischer Leiter der Musikgesellschaft »C. Ph. E. Bach Frankfurt (Oder) e.V.«. Vor allem sei auf die Frankfurter Konzerthalle verwiesen, die seit 1970 den Namen des Bach-Sohns trägt, und die dort ihre künstlerische Heimstatt findenden Ensembles, das Brandenburgische Staatsorchester und die Frankfurter Singakademie. Sie alle setzen sich für die stärkere Präsenz der Werke ihres einstigen Studiosus im heutigen Musikleben ein.

Und es gibt in Frankfurt überdies die weltweit einzige ständige C. P. E. Bach-Ausstellung, die am 9. September 2014 nach ihrer Neugestaltung wiedereröffnet wird. Wir laden Sie sehr herzlich nach Frankfurt ein, um diese informative Schau auf Leben, Werk und Nachwirken Carl Philipp Emanuel Bachs, bereichert durch multimediale Guides, einen interaktiven Stammbaum der Bachfamilie, ein rekonstruiertes Flötenuhrwerk, eine Komponierstation und anderes mehr in Augenschein zu nehmen.

Blick in die Bachausstellung im Obergeschoss der Sakristei der Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“ in Frankfurt (Oder), Foto: Lothar TanzynaLiebe Leser,

wir möchten Sie mit diesem Prospekt anregen, eine Ausstellung zu besuchen, die weltweit die einzige ihrer Art ist. Carl Philipp Emanuel Bach, dem zweitgeborenen Sohn Johann Sebastian Bachs, gewidmet, zeichnet sie in Bild- und Textdokumenten sowie mittels historischer Sachzeugnisse, wie Musikinstrumenten, den Lebensweg eines großen Musikers nach, der sich einen Freund Lessings und Klopstocks nennen konnte. Sohn eines berühmten Vaters, Student der Rechte in Leipzig und Frankfurt (Oder), Kammercembalist Friedrichs des Großen, Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in Hamburg – dieses und vieles andere mehr findet in unserer Exposition Darstellung und vermittelt so ein Kapitel faszinierender Zeitgeschichte des 18. Jahrhunderts.

Ebenso wird die vielfältige Rezeptionsgeschichte, die das kompositorische Oeuvre des »Berliner« resp. »HamburgerBach« bis in unsere Gegenwart hinein erfahren hat, erläutert. Lassen Sie sich, liebe Musikfreunde, zu einem Ausstellungsbesuch anregen, ein Besuch, der für Sie manche Überraschung bereithält: Wir versichern Ihnen, dass Sie komponieren können! Sie bezweifeln das? Ein Gang durch unsere Exposition wird Sie von unserer Behauptung überzeugen. Wenn es uns gelingt, Ihre Neugier für diesen Komponisten zu wecken, wäre viel erreicht. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen schöne Entdeckungen, interessante neue Erkenntnisse und vielleicht die eine oder andere Anregung, Musik des »Frankfurter Bachs« zu hören.1

HGO


1. Vorwort zur Ausstellungsbroschüre der C. P. E. Bach-Ausstellung, Frankfurt (O) 1998