Berliner Ausklang

06. September 2014

Auch die letzten Berliner Jahre Bachs waren angefüllt mit Arbeiten in den verschiedensten musikalischen Gattungs- und Genrebereichen. Vieles wurde abgeschlossen, allein im Jahr 1766 zwei Dutzend Klavierwerke. Manchen seiner Kompositionen ging ein intensiver Arbeitsprozess voraus, wie unsere Abbildung mit den Skizzen zu der Sonate für Violine und Klavier Wq 78 vedeutlicht.

1765 schrieb Bach die reizvolle kleine Liedkantate „Phillis und Tirsis“ Wq 232. Mit weiteren Klavierwerken trat er an die Öffentlichkeit: „Clavierstücke verschiedener Art" (1765), „Sechs leichte Clavier-Sonaten" (1766) u.a. Die gediegene kompositorische Faktur, das originelle Idiom der motivischen Erfindungen und die technische Bewältigung der Sonaten durch den Musikliebhaber machten den Zyklus zu einem weit verbreitetem Opus. Der Leipziger Komponist Johann Adam Hiller urteilte über den letztgenannten Zyklus:

Skizzen zur Sonate für Klavier (Cembalo) und Violine c-Moll Wq 78 / H 514 Autograph. (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz mit Mendelssohn-Archiv, Mus.ms. Bach P 742)"Wir haben ein Feld durchwandelt, das sehr unfruchtbar, voller Dornen und Hecken war, und kommen nun in eine angenehme Gegend, in welcher uns die schöne Natur, mit allen Reizen der Kunst geschmückt, in die Augen fällt […] Die Sätze sind alle ernsthaft; keine Menuetten und Polonoisen […] Jede dieser Sonaten bestehet demnach aus drey Sätzen, die ebenso reich an Erfindung, an Melodie, an reiner und künstlicher Harmonie sind, als die übrigen Arbeiten dieses Verfassers."1

Als ein Glücksfall für die Überlieferung von Werken Johann Sebastian Bachs muss die Herausgabe der vierstimmigen Choräle angesehen werden, die der Sohn einzelnen Passionen, Kantaten und anderen Vokalwerken des Vaters entnommen hatte. Die ersten hundert Choräle erschienen 1765 in Berlin und Leipzig mit einer sehr aufschlussreichen Vorrede:

Ich hoffe […] durch diese Sammlung vielen Nutzen und vieles Vergnügen zu stiften, ohne daß ich nöthig habe, zum Lobe der Harmonie dieser Lieder etwas anzuführen. Der seelige Verfaßer hat meiner Empfehlung nicht nöthig. Man ist von ihm gewohnt gewesen, nichts als Meisterstücke zu sehen. Diesen Nahmen werden die Kenner der Setzkunst gegenwärtiger Sammlung ebenfals nicht versagen können, wenn sie die ganz besondre Einrichtung der Harmonie und das natürlich fließende der Mittelstimmen und des Baßes, wodurch sich diese Chorgesänge vorzüglich unterscheiden, mit gehöriger Aufmercksamkeit betrachten. Wie nutzbar kann eine solche Betrachtung den Lehrbegierigen der Setzkunst werden, und wer läugnet wohl heut zu Tage den Vorzug der Unterweisung in der Setzkunst, vermöge welcher man, statt der steifen und pedantischen Contrapuncte, den Anfang mit Chorälen machet?2

Und so reihte sich ein Projekt an das andere und komplettierte Bachs Berliner Werkbestand. Nahezu drei Jahrzehnte hatte Bach in der preußischen Residenz gewirkt. Zielstrebig baute er in dieser Zeit sein kompositorisches Oeuvre auf, fand er – allem Neuen gegenüber aufgeschlossen — zu seinem singulären Stil. Charles Burney stellte in seinem Tagebuch fest:

Von allen Tonmeistern, welche seit länger als dreyssig Jahren in preusischen Diensten gestanden, haben vieleicht nur zweene, nemlich C . P. E. Bach und Franz Benda, ganz allein den Muth gehabt, selbst Original zu seyn; die übrigen sind Nachahmer.3

Mit solchem Rüstzeug und solcher Wertschätzung ausgestattet, im Vollbesitz seiner schöpferischen Kräfte und mit dem ihm eigenen künstlerischen Schaffensdrang konnte Carl Philipp Emanuel Bach an die Bewältigung seiner Hamburger Aufgaben gehen.

HGO


1. Johann Adam Hiller (Hg.), Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend, 21. 10. 1766.

2. C. P. E. Bach (Hrsg.), Johann Sebastian Bachs vierstimige Choralgesänge, Leipzig und Berlin 1765, Vorrede.

3. Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise, Bd. 3, Hamburg 1773, S. 173.