Briefe von Freunden

18. Oktober 2014

Aus der Hamburger Zeit gibt es Schriften aus Bachs Freundeskreis, welche uns eine sehr persönliche Seite des Komponisten eröffnen. Trotz häufig sehr verschiedener Blickwinkel werden Bachs ureigene Attribute, wie seine Großzügigkeit und Gefälligkeit als Mensch, sowie sein unzweifelhaftes Talent und seine Originalität als Musiker immer wieder hervorgehoben.

Einer der Freunde, der darüber geschrieben hat, ist Johann Friedrich Reichardt in seinen Schriften Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend. Reichardt war fast 40 Jahre jünger als Bach und seine Schriften bezeugen eine starke Neigung zur Nachahmung seines Vorbilds.

„Herr Capellmeister Bach beehret mich mit der allerfreundschaftlichsten Aufnahme, und läßt es nicht dabey bewenden, daß er mir, so oft ich zu ihm komme, [. . .] mit unermüdeter Gefälligkeit alle Arten von Sachen seiner Arbeit und von verschiedenen Zeiten seines Alters selbst vorspielet – wodurch er mir denn auf die allerglücklichste Weise Gelegenheit giebt, ihn ganz zu studieren. –
Auch ausser dieser Glückseligkeit, die schon weit über mein Bitten und Begehren geht, hilft er mir hier meinen Aufenthalf so angenehm, als möglich, machen, und dieses durch die beste Aufnahme in seinem Hause, und durch die angenehmsten Spatzierwege nach den schönsten Gegenden dieser Stadt.1

Charles Burney, Stich von F. Bartolozzi, 1781. (Quelle: Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin)Die wahrscheinlich wichtigste Quelle der Hamburger Zeit haben wir Charles Burney zu verdanken. Der englische Musikwissenschaftler Burney ist in den 1770er Jahren durch Europa gereist und hat seine Bemerkungen und Erlebnisse in Bezug auf die Musik in einem umfangreichen Tagebuch notiert. Unter Anderem hat er sich in den damaligen Kulturzentren Dresden, Leipzig, Berlin und Hamburg aufgehalten. In der letzten Stadt auf seiner Europareise ist Burney Bach persönlich begegnet und eben diese Begegnung war der erste Schritt auf dem Weg zu einem ebenso bedeutsamen, wie authentischen Dokument: Bachs Selbstbiografie.

„Herr Bach empfing mich sehr gütig, sagte aber, daß er sich schämte, wenn er daran dächte, wie wenig mir meine Mühe belohnt werden würde, daß ich Hamburg besucht hätte. 'Fünfzig Jahr früher', sagte er 'da hätten Sie kommen sollen!'

Er bespielte ein neues Fortepiano, und mit einer Art, als ob er kaum ans Spielen dächte, warf er seine Gedanken und solche Sachen hin, worauf sich ein jeder andrer hätte etwas zugute tun können. Er verlangte von mir, ich sollte eine Zeit bestimmen, wann ich wieder zu ihm kommen wollte, denn, sagte er, er müßte mich einen ganzen Tag allein haben, und der würde nur halb zureichen, uns unsre Ideen mitzuteilen. Er tat mir das Anerbieten, mich nach einer jeden Kirche im Hamburg zu führen, worin nur eine gute Orgel zu finden; er wollte einige alte und seltne Sachen für mich aufsuchen und sagte mir beim Weggehen, es würde morgen eine armselige Musik von seiner Komposition aufgeführt werden, die er mir riete, nicht anzuhören. Sein spaßhafter Ton entfernte gleich allen Zwang, ohne mir die Achtung und Ehrerbietung zu benehmen, die mir seine Werke schon in der Entfernung eingeflößt hatten.“2

HB


1 J.F. Reichardt, Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend, Band II, 1776, S. 7ff.

2 Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise, Bd. 3, Hamburg 1773, S. 186-187.