Chorsänger und Alumni an der Thomasschule

29. März 2014

Als Johann Sebastian Bach im Mai 1723 mit seiner Familie nach Leipzig zog, um dort als Thomaskantor die Nachfolge von Johann Kuhnau anzutreten, war Philipp Emanuel gerade einmal neun Jahre alt und besuchte fortan, gemeinsam mit seinem Bruder Friedemann, die Thomasschule, in deren Kantorei er von Anfang an mitwirkte. Vermutlich zählte er dort sogar zum ersten Chor, also zur Gruppe der etwa 12 bis 16 besten Sänger. 1731 beendete Bach die Schule und schrieb sich als Student in die Matrikel der Juristischen Fakultät der Leipziger Universität ein.

Thomasschule und Thomanerchor sind wohl für die meisten ein Begriff, doch wie genau ging es dort zu Bachs Zeiten zu? Was für Aufgaben und Pflichten hatten die Schüler und Sänger? In der Schulordnung von 1723 wurden in 14 Kapiteln die wichtigsten Bestimmungen für den Unterricht, das Leben im Alumnat und den Musikdienst der Thomaner zusammen gefasst.

Eine neue Schulordnung war notwendig geworden, weil in den vorangegangenen Jahren ein immer größerer Verfall der Schuldisziplin zu erkennen war. Infolgedessen verschlechterte sich auch das Leistungsvermögen des Chores deutlich, was wohl vor allem auf die schlaffe Leitungsfähigkeit des Rektors Johann Heinrich Ernesti zurückzuführen war.

Der hier vorgestellte Auszug des Zehnten Kapitels der Schulordnung vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie die alltäglichen Dinge der Schüler geregelt waren und an welche Vorschriften sich auch Philipp Emanuel halten musste.

Titelblatt und Frontispiz der Ordnung der Schule zu St. Thomae, Leipzig 1723. (Quelle: Reprint Leipzig 1787)

„Caput X. Wie die Schüler sonderlich in ihren auf der Schule befindlichen Cammern sich zu verhalten haben.

I. Alle diejenigen Alumni, welche auf dieser Schule wohnen, sollen frühe Morgens, nehmlich des Sommers um 5 des Winters aber um 6 Uhr, so bald das Zeichen gegeben wird, aufstehen, sich anziehen, waschen und die Haare auskämmen, so dann gleich, wann das erste viertel schlägt, und zwar ieder an seinen Ort und Stelle, zum gemeinen Gebet herunter gehen, dasselbe mit herzlicher Andacht und Stille verrichten, auch ieder seine Bibel mitbringen, damit er das allemahl vorkommende Stück derselben fleißig nachlesen könne. Auf eben die Weise soll es auch das ganze Jahr hindurch, mit dem Abend-Gebet um 8 Uhr gehalten, und die welche es ohne Noth verabsäumen, mit gehöriger Strafe angesehen werden.

II. Ihr Kleider, Schuhe, Strümpffe und weisses Zeug reinlich halten, wann etwas daran zerrissen und mangelhafft, es so gleich ausbessern, nicht weniger daß ihre Betten rein bleiben, sorgen, und die Cammern fleißig auskehren, auch solches Auskehrigt, und andere Unreinigkeit, an behörigen Ort bringen lassen.

III. In solchen ihren Cammern, wie auch an denen angewiesenen Studier-Tischgen stille und einträchtig beysammen wohnen, alles Zanckens, Scherzens, Schlagens und Rauffens, sonderlich aber auch alles ärgerlichen Lebens in Worten und Wercken, sich enthalten, keine Degen noch andere Gewehr führen, und da ein oder anderer dergleichen mitgebracht, selbige bey dem Rectori verwahrlich niederlegen.

IV. Des Nachts keine Lichter brennen lassen, noch iemalhs in die Cammern mit nehmen, die Nacht-Geschürre nicht in denen Cammern umschütten noch zerbrechen, viel weniger den Urin aus denen Fenstern herunter giessen, noch sonsten etwas durch dieselben herabwerffen.“1

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1. Hans Joachim Schulze (Hrsg.), Die Thomasschule Leipzig zur Zeit Johann Sebastian Bachs. Ordnungen und Gesetze 1634, 1723, 1733, Reprint der Originalausgaben Leipzig 1634, 1723 und 1733, Leipzig 1987.