Das Fantasieprinzip und die „freie Schönheit“

16. August 2014

Die Fantasie ist im 18. Jahrhundert eine bekannte und gern komponierte Gattung. Von J. S. Bach etwa sind 15 Fantasien überliefert. Als sein zweiter Sohn Carl Philipp Emanuel Bach sich dieser Gattung widmet, entsteht jedoch völlig neue Musik.

Er entwickelt einen neuen Gedanken, nämlich die „freye Fantasie“. In der „3. Fantasia. Allegro moderato“ aus der f-Moll Sonate Wq 63,6, welche Bach 1753 komponierte, ist besonders gut das Fantasieprinzip zu hören. Es geht um das Erregen und Stillen von Affekten. Bach selbst beschreibt in seinem „Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen“, was eine Fantasie ausmacht.

„§. 15. Wir haben oben angeführt, daß ein Clavieriste besonders durch Fantasien, welche nicht auswendig gelernte Passagien oder gestohlnen Gedanken bestehen, sondern aus einer guten musikalischen Seele herkommen müssen, das Sprechende, das hurtig Ueberraschende von einem Affeckte zum anderen, alleine vorzüglich vor den übrigen Ton=Künstlern ausüben kann; Ich habe hiervon in der letzten Probe eine kleine Anleitung entworfen. Hierbei ist nach der gewöhnlichen Art der schlechte Takt vorgezeichnet, ohne sich daran zu binden, was die Eintheilung des Ganzen betrifft; aus dieser Ursache sind allezeit bey dieser Art von Stücken die Abtheilungen des Taktes weggeblieben.

Die Dauer der Noten wird durch das vorgesetzte Moderato überhaupt und durch die Verhältniß der Noten unter sich besonders bestimmt. Die Triolen sind hier ebenfalls durch die blosse Figur von drey Noten zu erkennen. Das Fantasiren ohne Takt scheint überhaupt zu Ausdrückung der Affeckten besonders geschickt zu seyn, weil jede Tackt-Art eine Art von Zwang mit sich führet. Man siehet wenigstens aus den Recitativen mit einer Begleitung, daß das Tempo und die Tackt=Arten offt verändert werden müssen, um vielen Affeckten kurz hinter einander zu erregen und zu stillen. Der Tackt ist alsdenn offt bloß der Schreib=art wegen vorgezeichnet, ohne daß man hieran gebunden ist. Da wir nun ohne diese Umstände mit der Freyheit, ohne Tackt, durch Fantasien dieses auf unserem Instrumente bewerkstelligen können, so hat es dieserwegen einen besonderen Vorzug.“1

Schon an dem Notenbild kann man erkennen, dass Bach völlig losgelöst von Metrum und Taktart komponierte. Carl Philipp Emanuel Bach hat mit diesem neuen Fantasieprinzip nicht nur die Musikwelt auf sich aufmerksam gemacht. Auch in der Philosophie wurde Bach wahrgenommen. Immanuel Kant schreibt in seiner Kritik der Urteilskraft über die „freie Schönheit“ und bezieht sich dabei eben auf die „freyen Fantasien“ von Bach.

„Es gibt zweierlei Arten von Schönheit: freie Schönheit (pulchritudo vaga), oder die bloß anhängende Schönheit (pulchritudo adhaerens). Die erstere setzt keinen Begriff von dem voraus, was der Gegenstand sein soll; die zweite setzt einen solchen und die Vollkommenheit des Gegenstandes nach demselben voraus. […] In der Beurteilung einer freien Schönheit (der bloßen Form nach) ist das Geschmacksurteil rein. Es ist kein Begridd von irgend einem Zwecke, wozu das Mannigfaltige dem gegebenen Objekte dienen und was diese also vorstellen solle, vorausgesetzt, wodurch die Freiheit der Einbildungskraft, die in Beobachtungen der Gestalt gleichsam spielt, nur eingeschränkt werden würde. […] Man kann auch das, was man in der Musik Phantasieen (ohne Thema) nennt, ja die ganze Musik ohne Text zu derselben Art zählen.“2

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1. Carl Philipp Emanuel Bach, Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, Berlin 1753, Teil 1, S. 123f.

2. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Berlin 1790, Teil 1, §16.