Des Widerspenstigen Kammercembalist

24. Mai 2014

Bachs Ruf an die königliche Hofkapelle nach Berlin weckt mitunter glanzvolle Assoziationen und durchaus zurecht. Mit einem stattlichen Etat von über fünfzigtausend Talern leistete man sich die Anstellung einiger der herausragenden Musikerpersönlichkeiten, allen voran die Gebrüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun und natürlich Johann Joachim Quantz, der als größter Flöten-Virtuose seiner Zeit galt und mit einem großzügigem Angebot an Gehalt und Privilegien vom Dresdner Hof abgeworben worden war.

Doch der Glanz der Vorstellung von erlesenen Konzerten in prunkvollen Sälen im Kreise der höchsterhabenen Gesellschaft ermattet schnell, denn das, was das Gros der angestellten Musiker zu leisten hatte, war häufig nicht musikalischer Feinsinn, sondern Akkordarbeit. Es wurden mitunter täglich Konzerte verlangt, welche natürlich mit immer neuem Repertoire, das es zu komponieren und einzustudieren galt, bestritten werden mussten.

So mutet es teils verwunderlich an, dass Carl Philipp gut dreißig Jahre am Hof geblieben ist. Der Arbeitsalltag bot selten Abwechslung, sondern beschränkte sich häufig auf das Akkompagnement des königlichen Flötenspiels, was seine Fähigkeiten sicher nicht gänzlich ausreizte. Auch die Bezahlung war durchaus nicht üppig, was er durch mehrere Gesuche um Aufbesserung zu verändern suchte, doch erst 1755 wurde diesem Wunsch entsprochen. Mehrmals bemühte sich Bach daher um eine Anstellung in einer anderen Stadt, doch ohne Erfolg.

Friedrich II. war das Ausmaß von Bachs Talent sicher bewusst, zumal er dessen Vater sehr verehrte, doch musikalisch befanden sich beide in unterschiedlichen Welten. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die ambitionierten Werke Bachs eine besondere Würdigung am Hofe erfahren hätten. Ein sonderlich empfindsamer Feingeist war der König nämlich nicht, vielmehr ließ er auch in seinen künstlerischen Ambitionen preußisch-militärische Disziplin walten. Seinen Vorstellungen hatte die Musiker-Armee Folge zu leisten und jene ignorierten das Schaffen des Hofcembalisten, sowie überhaupt die meisten musikalischen Neuerungen der Zeit. Da niemand die mitunter grobschlächtige Derbheit in Friedrichs Charakter provozieren mochte, bemühte sich auch keiner, diesen Umstand zu ändern.

Allein Quantz, seinem Vertrauten und Flötenlehrer, war es gestattet, kritische Hinweise zu geben, was mitunter so manchen Spott hervorrief. Auch Carl Philipp reihte sich wohl gerne in die Reihe der Spötter ein, wie folgende Anekdote überliefert:

„In einer muntern Gesellschaft wurde davon gesprochen, wie der König, dem so leicht keiner etwas recht machen könne, sich gleichwohl von Quanzen so vieles gefallen lasse; mit welchem unerträglichen Stolz sich denn Quanz über andere erhebe und dafür sich wieder von seiner Frau ruhig tyrannisieren lasse.

Carl Philipp Emanuel Bach, der so lange geschwiegen hatte, gab der Gesellschaft ein Rätsel auf: Welches wohl das fürchterlichste Thier sei in der Preußischen Monarchie? Alles bemühte sich, doch keiner errieth das Rätsel. Endlich sagte Bach:
Das fürchterlichste Thier in der ganzen Preußischen Monarchie, ja in ganz Europa, sei kein anderes, als Madame Quanzens – Schoßhund. Denn dies Thier sei so fürchterlich, daß sogar Mad. Quanz sich davor fürchte; vor Mad. Quanz aber fürchte sich Herr Quanz, und vor Herrn Quanz wider der größte Monarch der ganzen Welt, Friedrich der Große.

Der König erfuhr diesen Spaß von Marquis d´Argens und lachte sehr drüber: Hütet euch ja, mein lieber Marquis, sagte der König, daß Quanz diese Geschichte nicht erfährt, sonst jagt er uns alle aus dem Dienst.“1

Allen Ärgernissen zum Trotz war natürlich die Anstellung an einem Hof ein sicherer und prestigeträchtiger Arbeitsplatz, zumal auch der Kontakt zu einigen bedeutenden Musikergrößen für Bach einen großen Reiz ausgeübt haben dürfte. Daneben bot Berlin ein reichhaltiges Musikleben außerhalb des Hofes und spätestens seit der Anstellung eines zweiten Cembalisten gab es genug Gelegenheit für kompositorisches Musikschaffen, welches er auch reichlich nutzte.

CLF


1. Reinhold Quandt, „Friedrich II. als Komponist und Musiker“, in: Tibia 5/6 (1980/1981), S. 241-249, S. 243.