Die Felsen werden Ohr

27. September 2014

Mit seinem Tod war Georg Philipp Telemann seinem Patensohn Carl Philipp Emanuel zwar als enger Vertrauter und Freund aus dem Leben gewichen, doch nicht ohne ein glückliches Erbe zu hinterlassen. Mit seiner Nachfolge in Hamburg war es Bach endlich gelungen, dem verstaubten Berliner Hof zu entrinnen.

In Hamburg erwartete ihn schließlich eine Umgebung, die ihm aus seiner Kindheit sehr vertraut gewesen war. Ihm oblag die musikalische Aufsicht als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen und die Anstellung als Kantor am Johanneum, wofür er mit seinen Erfahrung aus den Tagen bei den Thomanern eigentlich bestens gerüstet war. Hier sollte er die Schüler der obersten Klassen in Gesang, Musiktheorie und -geschichte unterrichten, doch tatsächlich kam es wohl nur selten dazu. Schon zu Zeiten des Vorgängers wurden in der Regel geeignete Sänger mit dem Unterricht beauftragt, was bei dem enormen Arbeitspensum auch gar nicht anders zu bewältigen gewesen wäre. Schuld daran waren wohl die zahlreichen Ehrungen, die Bach schon vorab in Hamburg ereilten. So hieß es in einem Artikel von Joseph Adam Hiller:

Die Stelle des seel. Telemanns in Hamburg ist anjetzt mit dem würdigen und geschickten Manne, dem Herrn C. Ph. Em. Bach, besetzt. Wer das vortreffliche Genie dieses großen Meisters des Claviers aus seinen Arbeiten für dieses Instrument kennet, wird sich freuen, ihn in einem Posten zu sehen, wo wir uns eben so viel Großes und Schönes von einer andern Art von ihm zu versprechen haben, und wovon er der Welt schon in einem vortrefflichen Magnificat und einigen Kirchencantaten Proben vorgelegt hat.1

So wurde Bach zu seinen ohnehin beträchtlichen Aufgaben an der Kirche auch mit zahlreichen städtischen Aufträgen überhäuft. Ergebnis waren eine große Zahl Gelegenheitsmusiken, wie weltliche Kantaten oder Bürgerkapitänsmusiken. Bemerkenswert ist darunter vor allem eine Festmusik, die zum Anlass des wohl offenbar sehr überraschenden Besuches des schwedischen Kronzprinzen in nur zwölf Stunden geschrieben worden sein soll. Und so bewahrheiteten sich schließlich die Worte, welche die befreundete Dichterin Anna Luise Karsch ihm noch in einem Abschiedsgedicht verheißungsvoll gewidmet hatte:

Du gehst, wohin Dein günstig Glück Dich ziehet,Anna Louisa Karsch, Gemälde von Carl Christian Kehrer, 1791. (Quelle: http://www.zeno.org/nid/20003818535)
in jene schiffumgebne Stadt,
Die gleich dem alten Tyrus wächst und blühet,
Und fromme Bürger hat.

[…]

Durch deine Kunst, die aus den Himmeln stammet,
Wo Engel Harfenspieler sind,
Wird manches Herz zur Andacht mehr beflammet,
Und manche Thräne rinnt,

Und manches Lob fließt auf bewegten Lippen,
Aus tiefgerührter Brust hervor;
Du rührtest selbst die demantharte Klippen,
Die Felsen werden Ohr.
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CLF


1. Joseph Adam Hiller, Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend - Leipzig den 15. August 1768, in: Suchalla (Hrsg.), C. P. E. Bach, Briefe und Dokumente, S. 54.

2. Anna Louisa Karsch an den Herrn Capellmeister Bach, bey seinem Hinzuge nach Hamburg - Berlin den 24. Februar 1768, in: Suchalla (Hrsg.), C. P. E. Bach, Briefe und Dokumente, S. 52.