"... eben so original, als sein musikalischer Mensch"

25. Okober 2014

In den 1770er Jahren hatte Bachs Bekanntheitsgrad in der Musikwelt überwältigende Formen angenommen. Die musikalische Öffentlichkeit nahm von seinen neuesten Werken Kenntnis; Rezensenten beschrieben sie euphorisch in der Presse. Künstler in ganz Mitteleuropa befleißigten sich, seine Kompositionen aufzuführen. Die Dichter des Göttinger Hains gewannen Bach als ihren bevorzugten Liedkomponisten. Aber auch von einer anderen Seite, der im 18. Jahrhundert sich neu belebenden Physiognomik, wurde Interesse an diesem bekannten Musiker wach.

Der Schweizer Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater (1741-1801) widmete sich in seinem Hauptwerk, den 1775 bis 1778 entstandenen Physiognomischen Fragmenten, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe der Frage, ob und wie sich in den Gesichtszügen und dem äußeren Habitus einer Persönlichkeit deren individueller Charakter herauslesen lässt. Dass C. P. E. Bach neben Rameau und Niccolo Jomelli als einziger Musiker inmitten einer Vielzahl von Politikern, Philosophen, Dichtern, Malern und Wissenschaftlern die Aufmerksamkeit Lavaters fesselte, unterstreicht Bachs Rang als „öffentliche“ Berühmtheit. Ein Kupferstich des Schweizer Radierers Johann Heinrich Lips sowie eine Silhoutte des Hamburger Musikers dienten als Vorlage für Lavaters Beschreibung.

Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788), Kupferstich von Johann Heinrich Lips (1776) nach einem Gemälde von Johann Philipp Bach (um 1773). (Quelle: Bach-Archiv Leipzig)"Sein vor uns liegendes Gesicht ist unter dem Geschlechte, in das er gehört – eben so original, als sein musikalischer Mensch, Es ist eine Gattung, die immer in der Welt etwas poußiren und vorstellen wird. Zwischen den Augenbrauen, im Blicke der Augen – scheint ein geistiger Ausdruck seiner produktifen Kraft zu schweben. Er kann, er wird, er muß sich, mit solcher Physiognomie, an vielen Orten, mit Anstand und Vortheil produciren können. Auch sieht man zugleich, daß er für das Herablassende und Resignirende nicht ganz gemachtist. Wie's denn so die Originalität mit sich bringt. Aufgenommen oder verworfen; geschätzt oder verkannt – seiner Organisation gemäß wandelt das Original in seiner Einheit, Fülle und Genügsamkeit fort."

Doch den Fehler am linken Auge in der Natur hat der Mahler aus Höflichkeit vermuthlich und schonender Güte weggepinselt [...] und ganz unfehlbar damit zugleich – ein beträchtliches von Ausdruck. Seele genug bleibt übrigens noch in Aug und Augenbrauen übrig. Die Nase, zu sehr abgerundet, läßt indeß immer noch genug von Feinheit und würkender Kraft durchscheinen. Der Mund – welch ein einfach gewordener Ausdruck von Feingefühl, Sattheit, Trockenheit, Selbstbewußtheit und Sicherheit; die Unterlippe etwas listig und schwach – aber nur leiser Hauch der Lästigkeit drüber! Die nah an die Lippe gränzende Einkerbung – kräftigt wieder sehr.

Feste, Heiterkeit, Muth und Drang ist in der Stirne. Ich weiß nicht, ob's Trug ist – wenigstens scheint's mir, daß der untere Theil des Gesichtes bey den mehresten Virtuosen, die ich im Urbilde oder Nachbilde sah, nicht ganz vortheilhaft ist, der Umriß vom Oberkinn ist indeß hier nicht gemein.“1

HGO


1. Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe, Bd. 3, Leipzig/Winterthur 1777, S. 200 f.