Ein Neuanfang...

20. September 2014

Bach siedelte im Frühjahr 1768 nach Hamburg um und übernahm die Stelle des am 25. Juni 1767 verstorbenen Georg Philipp Telemanns als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen der Stadt. Im gleichen Jahr erhielt Hamburg seine endgültige Unabhängigkeit von Dänemark. Dafür, dass die Hansestadt Dänemark Schulden in Höhe von einer Million Talern erließ, trat Dänemark alle Rechte und Forderungen an Hamburg ab und erkannte es als Kaiserliche Freie Reichsstadt an. Offensichtlich war diese Freiheit auch an der Haltung der Menschen zu erkennen, die dem englischen Musikgelehrten Charles Burney im Oktober 1773 bei seiner Ankunft in Hamburg als einzigartig in deutschen Städten aufgefallen ist.

"In diese Stadt kommt man, ohne examinirt oder von Accisbedienten belästigt zu werden. Der Reisende wird dem Thore bloß um seinen Namen und Stand befragt. Die Gassen sind schlecht gebauet, schlecht gepflastert und eng, aber voller Menschen, die ihren eigenen Geschäften nachzugehen scheinen. Aus den Mienen und Betragen der Einwohner dieses Orts leuchtet eine Zufriedenheit, Geschäftigkeit, Wohlhabenheit und Freiheit hervor, die man in andern Orten Deutschlands nicht häufig zu sehn bekömmt."1

Aussicht auf die Alster in Hamburg über den Jungfernstieg, Leipzig 1770, Radierung von Gottlob August Liebe. (Quelle: Deutsche Fotothek)

Im Gegensatz zu Berlin, wo das erste Opernhaus 1740 zu Beginn von Emanuels Aufenthalt in der preußischen Metropole gebaut wurde, konnte Hamburg schon auf eine längere Operntradition verweisen. Die Oper am Gänsemarkt, die 1678 ihren Betrieb aufnahm, war Deutschlands erste öffentliche Oper. Sie galt zu ihrer Zeit als ein musikalisches Zentrum des deutschen Barock und hat trotz der rasanten Verbreitung von italienischen Opern deutschsprachige Aufführungen gefördert. Das große Fachwerkhaus musste jedoch schon 1738 wegen finanzieller Schwierigkeiten geschlossen werden.

Als Bach seinen Dienst in Hamburg begann, war das Haus längst nicht mehr zugänglich, da es zehn Jahre zuvor abgerissen worden war. Da Emanuel kein Opernkomponist war, wirkte sich das wenig auf ihn aus, aber die komplizierte Lage der Musik in Hamburg war ihm durchaus bewusst. Als Burney ihn besuchte, ließ ihn Bach bedauernd wissen: „Funfzig Jahr früher, da hätten Sie kommen sollen!“ Burney fasste die Lage der Musik in Hamburg in seinem Tagebuch folgendermaßen zusammen:

"Obgleich diese Stadt in vorigen Zeiten so berühmt wegen ihrer Opern gewesen, so hat sie doch seit einigen Jahren keine mehr gehabt. In der Tat hab' ich auf meiner ganzen Reise durch Deutschland keine ernsthafte Oper gesehen. Allein, da dieses Drama gemeiniglich von italienischen Sängern aufgeführt wird, so sah ich solches nicht als den vornehmsten Gegenstandt dieser Reise an, auf welcher ich mich nach eigentlicher und wahrer deutscher Musik und deutschen Tonkünstlern erkundigen wollte.

Hamburg besitzt gegenwärtig außer dem Herrn Kapellmeister Carl Philipp Emanuel Bach keinen hervorragenden Tonkünstler, dagegen aber gilt dieser auch für eine Legion! Ich hatte schon längst seine eleganten und originalen Kompositionen mit dem höchsten Grade von Vergnügen betrachtet, und sie hatten ein so heftiges Verlangen in mir erzeugt, ihn zu sehen und zu hören, daß es keiner andern musikalischen Versuchung brauchte, mich nach dieser Stadt zu locken."2

Bach wird in den folgenden zwei Jahrzehnten etlichen Tätigkeiten in Hamburg nachgehen und auf diese Weise das Musikleben seiner Stadt bereichern, wie die nachfolgenden wöchentlichen Artikel unserer Serie „Noch mehr Bach“ verdeutlichen werden.

HB


1 Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise, Bd. 3, Hamburg 1773, S. 176.

2 Ibid, S. 185-186.