Ein unnachahmlicher Besucher

28. Juni 2014

Bei seinen Qualitäten als Lebemann, die uns vornehmlich von seinem Freundeskreis überliefert wurden, ist es nicht wenig kurios, dass es ausgerechnet die Tochter eines Weinhändlers, Johanna Maria Dannemann, wurde, mit der Carl Philipp Emanuel Bach schließlich eine Familie gründete. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1744 bekam das Paar drei Kinder und von nun an bewies sich Bach auch als verantwortungsvoller Vater, was gerade in späteren Jahren deutlich wurde.

Nachdem er sich erst hatte räumlich von seiner Herkunft entfernen müssen, um seine eigenen Wege gehen zu können, hatte er sich nun endlich eine eigene Existenz aufgebaut und konnte sich als Komponist und Musiker behaupten. Er soll seine Kinder in der Hoffnung auf einen musikalischen Nachfolger erzogen haben; die Mühe aber trug dahingehend keine Früchte. Immerhin aber zeigte der jüngste, Johann Sebastian der Jüngere, künstlerisches Talent und wurde später ein begabter Maler.

Aus seinem Erziehungswunsch lässt sich erkennen, dass Carl Philipp sich als Teil einer Musikerdynastie verstand und darauf hoffte, diese fortzuführen. Mit seinen Brüdern und seinem Vater stand er trotz mancherlei Widrigkeiten im Kontakt und unterstützte gerade auch in späterer Zeit seine Verwandtschaft, wo und wie er konnte. Auch sind einige Besuche untereinander belegt und tatsächlich kam Vater Bach selbst zweimal nach Berlin.

Der erste Besuch 1741 erfolgte unmittelbar nach der Anstellung des Sohnes am königlichen Hofe, der zweite im Mai 1747, diesmal jedoch wohl nicht aus privatem Anlass, sondern auf Einladung seiner Majestät höchstselbst, was für sich sicherlich schon bemerkenswert genug wäre. Doch das diese Angelegenheit sogar auf der Titelseite der Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen gebracht wurde, zeugt davon, welchen tiefen Eindruck Johann Sebastian Bach bei der Hofgesellschaft hinterlassen haben muss.

Die erste Notenseite des Musikalischen Opfers mit dem sechststimmigen Ricercar. (Quelle: Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, Mus. ms. Bach P 226)„Aus Potsdamm vernimt man, daß daselbst verwichenen Sontag der berühmte Capellmeister aus Leipzig, Herr Bach, eingetroffen ist, in der Absicht, das Vergnügen zu geniessen, die dasige vortrefliche Königl. Music zu hören. Des Abends, gegen die Zeit, da die gewöhnliche Cammer-Music in den Königl. Apartements anzugehen pflegt, ward Sr. Majestät berichtet, daß der Capellmeister Bach in Potsdamm angelanget sey, und daß er sich jetzo in Dero Vor Cammer aufhalte, allwo er Dero allergnädigste Erlaubniß erwarte, der Music hören zu dürfen. Höchstdieselben ertheilten sogleich Befehl, ihn herien kommen zu lassen, und giengen bey dessen Eintritt an das sogenante Forte und Piano, geruheten auch, ohne einige Vorbereitung in eigner höchster Person dem Capellmeister Bach ein Thema vorzuspielen, welches er in einer Fuga ausführen solte. Es geschahe dieses von gemeldetem Capellmeister so glücklich, daß nicht nur Se. Majest. Dero allergnädigstes Wohlgefallen darüber zu bezeigen beliebten, sondern auch die sämtlichen Anwesenden in Verwunderung gesetzt wurden.

Herr Bach fand das ihm aufgegebene Thema so ausbündig schön, daß er es in einer ordentlichen Fuga zu Papiere bringen, und hernach in Kupfer stechen lassen will. Am Montage ließ sich dieser berühmte Mann in der Heil. Geist-Kirche zu Potsdamm auf der Orgel hören, und erwarb sich bey den in Menge vorhandenen Zuhörern allgemeinen Beyfall. Abends trugen Seine Majestät ihm nochmahls die Ausführung einer Fuga von 6 Stimmen auf, welches er zu Höchstderoselben Vergnügen, und mit allgemeiner Bewunderung, eben so geschickt, wie das vorige mahl, bewerckstelligte.“1

Aus diesen Ereignissen ging schließlich das berühmte Musikalische Opfer hervor, welches Friedrich II gewidmet wurde. Ob dieser Besuch für den Sohn eine Veränderung mitbrachte, ist nicht festzustellen; die große Huldigung seinem Vater gegenüber bedeuteten Carl Philipp aber, was man am Hof zu schätzen wusste – und was eben nicht. Sein Bruder Wilhelm Friedemann musste sein Orgelspiel noch 1774 sich an diesem Besuch messen lassen, was verdeutlicht, wie sehr man am Berliner Hof in einem musikalischen Standbild eingefroren war.

„Indessen finden diejenigen, die seinen Vater gekannt haben, daß er an ihn nicht heranreiche. Der König ist derselben Ansicht, und um sie mir zu beweisen, sang er mit lauter Stimme das Thema einer chromatischen Fuge, daß er dem alten Bach gegeben hatte, der auf der Stelle eine Fuge daraus machte mit 4, dann 5, schließlich mit 8 obligaten Stimmen.“2

CLF


1. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen – Berlin, 11.05.1747; II/554, zitiert nach Johann Sebastian Bach. Leben und Werk in Dokumenten, hrsg. von Hans-Joachim Schulze, Leipzig 1975, S. 70-71.

2. G. v. Swieten an Fürst Kaunitz in Wien – Berlin, 26.07.1774; III/790 Original französisch, zitiert nach Ebd., S. 145.