In Hamburg angekommen

06. Dezember 2014

Von März 1768 bis Dezember 1788 war die „Kaiserlich Freie Reichsstadt“ Hamburg Carl Philipp Emanuel Bachs Lebensmittelpunkt. Hier hatte er es zu europaweit anerkanntem künstlerischem Renommee gebracht. Bachs Wohnung war Anziehungspunkt für viele Besucher von Nah und Fern…

Doch wie wurde das Erbe Bachs nach seinem Tod in der Stadt seines langjährigen Wirkens gepflegt? Zunächst folgte, wie auch in den anderen Regionen und Zentren, auf Bachs einstige Berühmtheit rasches Vergessensein. Vom Musikpublikum wurden neue Namen, neue Stile, neue Gattungen favorisiert. Es gab sicher das eine oder andere Konzert, doch von einer kontinuierlichen Aufführungstradition Bachscher Werke in Hamburg kann im gesamten 19. Jahrhundert nicht die Rede sein. Wie auch bei anderen Komponisten, die wiederentdeckt wurden, musste die Musikwissenschaft oftmals erhebliche Forschungs- und Aufklärungsarbeit leisten, um ihre Protagonisten stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. An diesem Aneignungsprozess bezogen auf C. P. E. Bach waren auch Hamburger Musikologen beteiligt. Der Pädagoge Josef Sittard beschäftigte sich in seiner 1890 erschienenen „Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart“ vor allem mit Bachs Konzerttätigkeit in der Hansestadt. Wenige Jahrzehnte später – im Jahre 1929 – erhellte Heinrich Miesner in seiner Dissertation „Philipp Emanuel Bach in Hamburg. Beiträge zu seiner Biographie und zur Musikgeschichte seiner Zeit“ die näheren Hamburger Lebensumstände Bachs.

Einen weiteren Meilenstein der Bachforschung verdanken wir dem Hamburger Universitätsprofessor Hans Joachim Marx. Unter seiner Leitung wurde im Jahre 1988 anlässlich der 200. Wiederkehr des Todestages Bachs das Internationale Symposium „C. P. E. Bach und die europäische Musikkultur des mittleren 18. Jahrhunderts“ veranstaltet. Über die Zielstellung der Konferenz gibt das Vorwort des 1990 von Marx herausgegebenen Tagungsbandes Auskunft.

Inhaltsverzeichnis (Ausschnitt) des Hamburger Bach-Tagungsbandes 1990 „Das Symposium […] hatte sich zur Aufgabe gestellt, das kompositorische Lebenswerk Carl Philipp Emanuels, des ‚Hamburger‘ Bach aus dem historischen Kontext seiner Zeit heraus zu verstehen und zu interpretieren. Damit war zugleich der Blick auf einen Zeitabschnitt, man könnte auch sagen: auf eine Epoche gerichtet, die von den Zeitgenossen selbst als etwas grundsätzlich Neues erfahren und gedacht worden ist. Wenn Carl Philipp Emanuel Bach 1772 in seiner Autobiographie bemerkt, ‚von allem dem, was besonders in Berlin und Dresden zu hören war, brauche ich nicht viele Worte zu machen, (denn) wer kennt den Zeitpunkt nicht, in welchem mit der Musik sowohl überhaupt als besonders mit der akkuratesten und feinsten Ausführung derselben eine neue Periode sich gleichsam anfing‘,– wenn Bach also von einer neuen Periode des musikalischen Komponierens und Vortragens spricht, dann will er sagen, daß er und seine Zeitgenossen sich der Andersartigkeit ihrer Tonsprache vollkommen bewußt waren.

Nicht die Ablehnung überkommener Kompositionsprinzipien im Sinne eines Aufbegehrens gegen das Tradierte bestimmte seine Vorstellung vom Komponieren, sondern das Bewußtsein, daß das Alte und das werdende Neue völlig verschiedene Phänomene sind, die sich gegenseitig nicht ausschließen. Wilfried Barner spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚Dialektik von Kontinuität und Negation‘, die es ermöglicht, das Neue aus dem Horizont der geschichtlichen Erfahrung heraus zu schaffen.“1

Der Impuls, der von der Hamburger Bach-Ehrung des Jahres 1988 ausging, insbesondere auch von der hier gewürdigten Publikation, ist hier vor allem auch im Jubiläumsjahr 2014 zu spüren. Hamburg, exponiertes Mitglied des Städtebündnisses C. P. E. Bach *1714 lädt, wie es auf der Internetplattform heißt, „mit einem facettenreichen Programm zu vielfältigen Veranstaltungen rund um Bachs kompositorisches Schaffen und sein bedeutendes Lebenswerk ein.“ Überblicken wir allein den Veranstaltungskalender des Monats Dezember, dann werden den Hamburgern und ihren Gästen zahlreiche Bachsche Werke zu Gehör gebracht. Die Hamburger Camerata wartet mit Streichersinfonien auf, Mitglieder der Hamburger Symphoniker interpretieren Triosonaten. Selbst an die Jüngsten ist gedacht. Die vom 16. bis 19. Dezember vom Ensemble Resonanz betreute Reihe „Elfi • Babykonzerte in den Stadtteilen“, konzipiert als Konzerte für Schwangere und Eltern mit Babys bis 1 Jahr, enthält gleichfalls Musik von C. P. E. Bach. Die Musiker argumentieren so: „Am Anfang ist der Klang. Noch im Mutterleib entwickelt sich das Ohr so weit, dass es Klänge hören, Stimmen unterscheiden, Musik wahrnehmen kann. Es besteht also in der Schwangerschaft oder nach der Geburt kein Grund, lange mit dem ersten Konzertbesuch zu warten: Bei den Babykonzerten von Elbphilharmonie Kompass gibt es Musik für die Kleinsten, gespielt vom Ensemble Resonanz. Denn auch Babys lassen sich eine gute Dreiviertelstunde lang von Mozart oder Tschaikowsky – und wir ergänzen: Carl Philipp Emanuel Bach – bezaubern.“ Unser Facit: Der zweite Bachsohn ist endgültig in Hamburg angekommen.

HGO


1. Carl Philipp Emanuel Bach und die europäische Musikkultur des mittleren 18. Jahrhunderts. Bericht über das Internationale Symposium der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg, 29. September – 2. Oktober 1988, hrsg. von Hans Joachim Marx, Göttingen 1990