Hinterlassen von ersten Abdru(e)cken

05. April 2014

Philipp Emanuel war von Kindheit an von Musik umgeben, was bei diesem Vater wohl nicht verwundert. Daher ist es schwierig, den Zeitpunkt seiner allerersten selbst-komponierten Noten genau zu bestimmen. Spätestens ab 1729 dienten Philipp Emanuel und sein Bruder Friedemann als kostengünstige Kopisten für J. S. Bach, und diese mühsame Arbeit fungierte neben dem strengen väterlichen Unterricht als eine wichtige Einführung in das Komponieren und das Leben eines Komponisten.

Um 1730 komponierte Philipp Emanuel bereits vier Stücke, die er dem Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach (1725 und in der Folgezeit wohl für das häusliche Musizieren angelegt) beisteuerte. Das erste selbstständig verfasste Werk, welches unter seinem Namen veröffentlicht wurde, erschien 1731. Die Noten dieses Menuett pour le Clavessin hat der 17-Jährige sogar eigenhändig in Kupfer gestochen.

C. P. E. Bach, Polonoise g-Moll, H 1, Autograph; 1732 vom Komponisten eigenhändig in das Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach eingetragen. (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv)

Im Oktober dieses Jahres nahm er ein Jura-Studium an der Universität Leipzig auf. Die unten von dem C. P. E. Bach-Biographen Carl Hermann Bitter aufgelisteten Werke (nach dem Stand der Forschung von 1868) zeigen den Umfang von Emanuels Kompositionen während der Studienjahre. So ist Bitters Staunen über den Gedanken, dass Emanuel eine andere Karriere als die des Musikers aufnehmen könnte, für den heutigen Musikliebhaber nur allzu verständlich.

„Man sieht daraus, dass derselbe vom Jahre 1731, also von seinem 17. Jahre ab, als er zwar noch die Thomas-Schule besuchte, doch aber als ein hinreichend erwachsener junger Mann schon eine ziemlich feste Idee über seinen zukünftigen Lebensberuf haben musste, bis zu seinem Abgange nach Frankfurt a. O., also im Hause und unter der Aufsicht und Leitung des Vaters nicht weniger als

fünf Clavier-Sonaten,
ein Menuett mit überschlagenden Händen,
7 Trii,
2 Soli für Oboe und für Flöte,
1 Suite, 2 Clavier-Concerte mit Instrumental-Begleitung,
6 Sonatinen

componirt hatte, wovon die übergrosse Mehrzahl auf die Schüler- [und Studien]jahre von 1731 bis 1733 kommt.

Man weiss auch, dass er im Jahre 1731, also unzweifelhaft unter den Augen seinen Vaters, die Menuett mit überschlagenden Händen in Kupfer gestochen und herausgegeben hat. Müsste sein Vater nicht mit völliger Blindheit geschlagen gewesen sein, wenn er nach diesen Vorgängen hätte glauben wollen, dass aus seinem Sohne Emanuel jemals ein Advocat oder Staats-Beamter nach den steifen Begriffen seiner Zeit werden könne? […]“1

HB


1. Carl Hermann Bitter, Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann Bach und deren Brüder, Bd. 1, Berlin 1868 (Reprint: Leipzig 1977), S. 12-13.