Kompositionen aus Frankfurt (Oder)

03. Mai 2014

Neben Bachs aufwändigen Frankfurter Aktivitäten, dem Studium, der Leitung des Collegium musicum und dem Klavierunterricht, blieb auch noch Zeit fürs Komponieren. Aus seiner Notenfeder stammen außer den in einem früheren Beitrag bereits erwähnten Huldigungsmusiken sechs Cembalosonaten, eine Variationenfolge (Menuet von Locatelli mit Veränderungen), ein Cembalokonzert, eine Triosonate für Flöte, Violine und Basso continuo (unsere Abbildung) sowie zwei Flötensoli; insgesamt also elf Kompositionen, die jedoch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht in der Frankfurter Urfassung überliefert sind.

Für wahrscheinlich jeden Komponist ist es ein übliches Prozedere, eigene Kompositionen zu revidieren und zu verbessern. Auch Carl Philipp Emanuel Bach hatte später die in seiner Frankfurter Zeit – eine Zeit voller Drang und Streben nach Unabhängigkeit – entstandenen Kompositionen negativ kritisch betrachtet, sie verändert oder sogar vernichtet. Wahrscheinlich ist nur wenigen bekannt, dass viele Stücke Franz Schuberts zerfetzt vom Komponisten im Papierkorb gelandet wären, hätten seine Freunde und Bekannte ihn bei den „Schubertiaden“ nicht vehement von einem solchen Autodafé abgehalten. Wer weiß, ob nicht auch wertvolle Bachkompositionen aus der Frankfurter Zeit noch heute bestünden, hätte Carl Philipp Emanuel Bach einen musikbegeisterten Anhängerkreis wie Schubert gehabt. Der Musikforscher Wolfgang Horn schreibt über Bachs Umgang mit seinen frühen Werken Folgendes:

C. Ph. E. Bach, Triosonate für Flöte, Violine und Basso continuo a-Moll Wq 148 / H 572, 1. Satz, Frankfurt (Oder) 1735 (hier abgebildet die Neufassung Berlin 1747), Partitur-Autograph (Staatsbibliothek zu Berlin, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv) „Für die Vor-Berliner Zeit Carl Philipp Emanuel Bachs muß man allem Anschein nach beträchtliche Quellenverluste annehmen. Wahrscheinlich zirkulierten von den ursprünglichen Fassungen seiner Werke ohnehin nur wenige Kopien. Denn Bach war vor der Veröffentlichung seiner Preußischen und Württembergischen Sonaten in den Jahren 1742 und 1744 gewiß nur einem kleineren Kreis von Musikinteressierten bekannt. So haben vielleicht etliche der frühen Werke Bachs Notenarchiv überhaupt nicht verlassen.

Anscheinend setzte die Nachfrage nach seinen Kompositionen in größerem Umfang erst ein, als sich der "Capell-Bediente" Friedrichs des Großen in Fachkreisen einen Namen gemacht hatte. Möglicherweise resultierte daraus der Wunsch Bachs, seine frühen Werke dem nun erreichten Stand seiner kompositorischen Fähigkeiten anzupassen: die Werke wurden "erneuert". Eine umfassende Begegnung mit seinen früheren Werken fand danach wohl erst wieder im Zuge der Ordnungsarbeiten statt, die Bach in seinen letzten Lebensjahren durchführte. Dies schließt nicht aus, daß einzelne Werke auch in den Jahren zwischen der Erneuerung und vor der letzten Überarbeitung Gegenstand von Revisionsarbeiten gewesen sind.

Bei den Revisionsarbeiten fiel eine größere Menge nicht mehr benötigter Quellen an. Zum einen mag es sich dabei um Werke gehandelt haben, die Bachs Ansprüchen gar nicht mehr genügen konnten und auch durch eine gründliche Revision nicht mehr zu retten waren, zum anderen dürfte es sich um ältere Werkfassungen gehandelt haben, die Bach als überholt betrachtete.

Hier ist nun nochmals auf jene berühmte Briefstelle aus dem Jahr 1786 zurückzukommen: "doch habe ich vor kurzem ein Ries und mehr alter Arbeiten von mir verbrannt und freue mich, daß sie nicht mehr sind" (C.P.E.Bach an den Literaturhistoriker Johann Joachim Eschenburg, 21. Januar 1786).

"Ein Ries und mehr" ist, etwa dem Grimmschen Wörterbuch zufolge, eine gewaltige Menge: "RIES, n. massbezeichnung im papierhandel. ein ries, zwanzig buch". [ „ein buch" = 24 bogen; „ein ries“ = 480 Bogen; „ein Bogen“ = vier große beschreibbare Seiten] Die Mengenangabe "ein Ries und mehr" bedeutet also, will man sie wörtlich verstehen, mindestens 1.920 beschreibbare Notenseiten. […]

Welche Konsequenzen wären aus dem Verlust der ursprünglichen Fassungen der frühen Sonaten (und "Trii") zu ziehen? Es wäre wohl übertrieben zu behaupten, daß wir uns von der Kompositionsweise Bachs in den 1730er Jahren überhaupt kein Bild machen könnten. Denn gewiß blieben auch bei der "Erneuerung" nicht selten formale und harmonisch-melodische Grundstrukturen der ursprünglichen Fassungen erhalten. Sicherlich aber wurden Kanten in der Melodieführung abgeschliffen, rhythmische Strukturen differenzierter gestaltet, wörtliche Wiederholungen durch variierte Wiederholungen ersetzt, klanglich allzu dürftige Stellen farbiger gestaltet, allzu ausführliche Passagen gekürzt, allzu simple Sätze erweitert und ganz untaugliche Sätze eliminiert.

Die Schwierigkeiten Bachs, sich in der neuen Gattung und im neuen Klavierstil zurechtzufinden, werden aus den überarbeiteten Fassungen mit Sicherheit weniger deutlich als aus den ursprünglichen. […]“1

AS


1. Wolfgang Horn, Carl Philipp Emanuel Bach. Frühe Klaviersonaten. Eine Studie zur „Form" der ersten Sätze nebst einer kritischen Untersuchung der Quellen, Hamburg: Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner, 1988, S. 273-275