In Leipzig zuhause

12. April 2014

Nicht nur Leben und Werk Johann Sebastian Bachs sind seit Generationen fest mit der Stadt seines langjährigen Wirkens verbunden, auch Philipp Emanuel und sein kompositorisches Oeuvre haben in den zurückliegenden drei Jahrhunderten viele Spuren in Leipzig hinterlassen. Das betrifft die Musikpraxis ebenso wie den Editionssektor, die Musikpublizistik wie die Forschung.

Ob die in Leipzig ansässigen Verlage Breitkopf & Härtel, Peters, Kahnt und Hoffmeister u.a. – sie alle führten auch Werke des zweiten Bachsohns in ihrem Notensortiment. Das Gewandhausorchester, beginnend mit Johann Adam Hiller, hat immer wieder Kompositionen Philipp Emanuels auf seine Programme gesetzt. Felix Mendelssohn Bartholdy stellte Bachs Sinfonie F-Dur Wq 181 im Jahre 1847 in einem seiner historischen Konzerte vor. Und wer sich ein Bild vom aktuellen Konzertangebot in Leipzig bezüglich Bachscher Werke machen will, dem sei ein Blick auf die Homepage unseres Jubilars empfohlen.

Wenn wir den Blick auf den wissenschaftlichen Sektor lenken, dann ist mit dem Bach-Archiv Leipzig eines der weltweit führenden Forschungsinstitute genannt. Das Engagement dieses Instituts für den zweiten Bachsohn äußert sich aktuell in der Realisierung der auf über hundert Bände berechneten The Complete Works of C. P. E. Bach, einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Packard Humanities Institute, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und der Harvard University. Innerhalb des Projekts Bach-Repertorium werden vom Bach-Archiv Publikationen, Symposien und Ausstellungen zur Lebens- und Wirkungsgeschichte aller Mitglieder der weit verzweigten Musikerfamilie Bach vorbereitet. Soeben ist ein Teilband des Thematischen Verzeichnisses der Werke Carl Philipp Emanuel Bachs erschienen.

Titelseite der von Hans-Joachim Schulze herausgegebenen Dokumentation Johann Sebastian Bach. Leben und Werk in Dokumenten, Leipzig 1975Nicht von diesen C. P. E. Bach gewidmeten Aktivitäten soll die Rede sein, sondern von einem weiteren Standardwerk der Bachforschung: Im Jahre 1975 legte Hans-Joachim Schulze (geb.1934), langjähriger Mitarbeiter und von 1992 bis 2000 Direktor des Bach-Archivs, eine kleine, aber repräsentative Auswahl von Briefen, Erinnerungsberichten, autobiographischen Texten u.a. vor, zusammengefasst in einem sehr lesenswerten Taschenbuch Johann Sebastian Bach. Leben und Werk in Dokumenten (inzwischen in 4. Auflage erschienen). Dieses Büchlein gehört in die Hand eines jeden Musik- und Bachfreundes. Basierend auf den von Schulze herausgegebenen Bach-Dokumenten Bd. I–III, Kassel und Leipzig 1963–72 (Bd. I/II mit W. Neumann) verdeutlicht diese Anthologie, dass Philipp Emanuel nicht nur zu den maßgeblichen Gewährsmännern für die musikhistorische Bewertung und Einordnung des Lebens und Schaffens seines Vaters zählte, sondern dass der Sohn selbst immer wieder Gegenstand der Dokumente ist, wie die drei folgenden Wortbeiträge verdeutlichen.

(1) Hausmusik und öffentliche Konzerte
Ich bin entzückt von der Erinnerung des berühmten Emanuel Bach an unseren beinahe täglichen freundschaftlichen Umgang in Leipzig, wo ich bisweilen ein Solo oder ein Concert im Collegium Musicum seines seligen Vaters spielte. Von den drei Bach-Brüdern meiner Bekanntschaft kehrte der in Dresden verstorbene älteste [Wilhelm Friedemann] den etwas affektierten Elegant heraus, der 2. (der Ihrige in Hamburg), natürlich, tief, nachdenklich und in Gesellschaft nichtsdestoweniger lustig, hieß Carl [Philipp Emanuel] und zum Unterschied von seinen Brüdern >der Schwarze< und der 3. >der Windige< [Johann Gottfried Bernhard] (vor kurzem in London gestorben) spielte häufig mit mir Querflötenduette.

[J. v. Stählin an seinen Sohn Peter – Petersburg, 20. Juli 1784; III/902; Original französisch]1

(2) Johann Wilhelm Häßler trifft den „Hamburger Bach“
In Hamburg sollte mein erster Besuch natürlich dem grossen Emanuel Bach gelten: und ein kleines Misverständnis machte zu meiner Beschämung, daß er mir zuvorkam. Ein auswärtiger Kaufmann, der mit Instrumenten, die er in Thüringen bauen lies, nach Petersburg handelte, und in eben dem Gasthofe seine Niederlage hatte, wo ich wohnte, war so gefällig, mir ein Klavier auf mein Zimmer bringen zu lassen. Ich stund eben davor, und spielte ein Stück aus Sebastian Bachs woltemperirten Klavier, als der Herr Kapellmeister hereintrat. Dies vorzügliche Werk seines grosen Vaters bei mir zu finden, und zu erfahren, daß ich ein Thüringer, und musikalischer Enkel von ihm sei, galt ihm hier mehr, als tausend Empfelungsbriefe.

[J. W. Häßler, Selbstbiographie – Erfurt, Oktober 1786; III/913]2

(3) Niedergang am Ende des 18. Jahrhunderts
Seit zwey Jahrhunderten entsprangen aus der Bachschen Familie viele der größten Componisten, Organisten und Clavierspieler. Joh. Seb. Bach, der größte Künstler von allen, zeugte noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vier Söhne, die alle große Meister wurden. Wer kennt nicht den hallischen [Wilhelm Friedemann], den berlinischen [Carl Philipp Emanuel], den englischen (oder den mailändischen) [Johann Christian] und den bückeburger [Johann Christoph Friedrich] Bach? Alle diese hinterlassen keine Nachfolger – wenn man den Concertmeister Bach in Bückeburg ausnimmt, dessen Sohn [Wilhelm Friedrich Ernst] Claviermeister bey der regierenden Königinn vonPreussen ist – Keine Nachfolger, die den grossen Nahmen auf die Nachwelt bringen. Der majestätische Strom theilt seine höchste Fülle in vier Arme, schickt diese allen Weltgegenden zu und sie alle treffen auf Sümpfe in denen sich die schöne Flut unwiederbringlich verliert.

[J. F. Reichardt, Musikalisches Kunstmagazin – Berlin, 1791; III/961]3


HGO


1. Johann Sebastian Bach. Leben und Werk in Dokumenten, hrsg. von Hans-Joachim Schulze, Leipzig 1975, S. 21.

2. Ebd., S. 170 f.

3. Ebd., S. 28 f.