Leipziger Herausforderungen

22. März 2014

Die Stadt Leipzig erschien für Johann Sebastian Bach sicher in vielerlei Hinsicht attraktiv. Nachdem das höfische Musikleben in Köthen ihn immer mehr enttäuschte, gab es dort eine große und reiche Stadt mit Institutionen hohen musikalischen Anspruchs und frühen Ausprägungen eines noch zaghaften bürgerlichen Musiklebens. Vor allem aber waren die Perspektiven, welche die Ausbildung seiner Kinder betrafen, in Leipzig ausgesprochen attraktiv – zumal an der Thomasschule, wo Arbeit und Familie gewissermaßen fließend ineinander übergehen konnten.

Doch in Leipzig war man vom Vater Bach nicht allzu begeistert. Vielmehr wünschte man sich Georg Philipp Telemann, der auch Taufpate des Sohnes Philipp Emanuel war. Dessen Wirkungsstätte Hamburg überzeugte ihn jedoch mit einem erhöhten Salär am Ort zu bleiben. Es ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Philipp Emanuel später die Nachfolge Telemanns antreten sollte. Nachdem auch ein zweiter Bewerber, Christoph Graupner, ausschied, weil der Landgraf von Hessen-Darmstadt seine Entlassung verweigerte, legte man sich schließlich auf die „dritte Wahl“ Johann Sebastian Bach fest.

Martin Engelbrecht (1684-1756): Leipzig, Gesamtansicht mit Stadtwappen (um 1740). (Quelle: http://www.zeno.org/nid/20004005503)Diesen erwartete in Leipzig eine an Arbeit reiche Zeit. Es galt vier Kirchen musikalisch zu versorgen, wöchentlich Kantaten aufzuführen und natürlich die Eleven der Thomasschule zu unterrichten. Der harte und straff organisierte Alltag dieser Zeit gibt uns Auskunft darüber, wie die Kindheit von Philipp Emanuel ausgesehen haben mag. Vater Bach jedenfalls war mit den Arbeitsbedingungen, die sich im boten, alles andere als zufrieden. Statt mit ausgebildeten Hofmusikern hatte er es nun solchen zu tun, welche erst noch welche werden mussten. Wie aber sollte er das bewerkstelligen, wenn die Schüler teilweise nicht nur keinerlei Vorkenntnisse mitbrachten, sondern auch in derart bedrängten Umständen lebten, dass an eine musikalischen Ausbildung kaum zu denken war? In einer umfangreichen Eingabe an die Stadt Leipzig vom 23. August 1730, die hier nur auszugsweise vorgestellt werden soll, wurde er über die Situation an der Thomasschule besonders deutlich:

„Hiernechst kan nicht unberühret bleiben, daß durch bißherige reception so vieler untüchtigen und zur music sich gar nicht schickenden Knaben, die Music nothwendig sich hat vergeringern und ins abnehmen gerathen müßen. Denn es gar wohl zu begreiffen, daß ein Knabe, so gar nichts von der Music weiß, ja nicht ein mahl eine secundam im Halse formiren kan, auch kein musicalisch naturel haben könne; consequenter niemahln zur Music zu gebrauchen sey. Und die jenigen, so zwar einige principia mit auf die Schule bringen, doch nicht so gleich, als es wohl erfordert wird, zu gebrauchen seyn. Denn da es keine Zeit leiden will, solche erstlich Jährlich zu informiren, biß sie geschickt sind zum Gebrauch, sondern so bald sie zur reception gelangen, werden sie mit in die Chöre vertheilet, und müßen wenigstens tact und tonfeste seyn üm beym Gottesdienste gebraucht werden zu können. Wenn nun alljährlich einige von denen, so in musicis was gethan haben, von der Schule ziehen, und deren Stellen mit andern ersetzet werden, so einestheils noch nicht zu gebrauchen sind, mehrentheils aber gar nichts können, so ist leicht zu schließen, daß der Chorus musicus sich vergeringern müße.“1

Eine polemische Lesart von Bachs Ausführungen ist jedoch Fehl am Platze. Vielmehr bemühte sich der Thomaskantor, die finanzielle Ausstattung der Thomasschule angesichts der hohen Ansprüche, die man an sie stellte, in ein angemessenes Verhältnis zu rücken. Unter den vorherrschenden Bedingungen werde sich die musikalische Leistung zunehmend verschlechtern. Und so schloss er seinen Brief mit der Aufzählung der ihm zur Verfügung stehenden Sänger und konstituierte:

„Summa. 17 zu gebrauchende, 20. noch nicht zu gebrauchende, und 17 untüchtige.“2

CLF


1. Bachdokumente. Schriftstücke von der Hand Johann Sebastian Bachs, hrsg. vom Bach-Archiv Leipzig, Bd. 1, Kassel 1963, S. 60-64.

2. Ebd.