Meisterwerke der Klaviermusik für Preußen und Württemberg

31. Mai 2014

Mit zwei Sonatenzyklen, den seinem Dienstherren Friedrich II. von Preußen gewidmeten „Preußischen Sonaten“ und den „Württembergischen Sonaten“, die er seinem Klaviereleven Carl Eugen von Württemberg dezidierte, der am preußischen Hof auf seine Regierungsgeschäfte vorbereitet wurde, gelang Carl Philipp Emanuel Bach der Durchbruch zu einem der bedeutendsten Klavierkomponisten seiner Zeit. Fortan wird er diesem Ruf auch als Leitbild eines großen Schülerkreises, egal ob als Klavierpädagoge oder Autor von Klaviermusik, gerecht.

Bemerkenswert ist, dass Bach mit den insgesamt zwölf Sonaten, Anfang der 1740er Jahre komponiert und 1742 bei den Nürnberger Verlegern Balthasar Schmid bzw. 1744 bei Johann Ulrich Haffner gedruckt, dem Klavierspieler verschiedenste Satzmodelle vorstellt. Einzelne Sätze stehen noch im Bannkreis der Tonsprache des Vaters, sind deutlich von der Form der Triosonate, der Gigue, der Invention beeinflusst. Als auffallend erweist sich die ebenso originelle wie unverwechselbare Züge tragende Thematik vieler Sonatensätze. Hier ist bereits der Typus des Individualthemas (Heinrich Besseler) ausgebildet. Solcherart Themen besitzen ausreichend „entwicklungsträchtige“ motivische Substanz, die Bach dann im Satzverlauf kunstvoll verarbeitet. Kein Wunder, dass Zeitgenossen diese Werke außerordentlich schätzen, darunter kein Geringerer als Joseph Haydn.

Nach Aussage von dessen Biographen Georg Anton Griesinger fielen Haydn im Jahre 1749 „die sechs Sonaten von Emanuel Bach in die Hände; ‘da kam ich nicht mehr von meinem Klavier hinweg, bis sie durchgespielt waren, und wer mich gründlich kennt, der muß finden, daß ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, daß ich ihn verstanden und fleißig studiert habe; Emanuel Bach ließ mir auch selbst einmal ein Kompliment darüber machen‘.“1

Der Kapellmeister Friedrichs des Großen sowie einflussreiche Musikpublizist und Komponist Johann Friedrich Reichardt schrieb im Rückblick:

„… aber keine Instrumentalmusik war bis dahin erschienen, in welcher eine so reiche und doch wohlgeordnete Harmonie mit so edlem Gesange vereinigt, so viel Schönheit und Anordnung bei solcher originellen Laune herrschte, als in den ersten beiden in Nürnberg gestochenen Sonatenwerken und ersten Koncerten dieses Meisters“.2

Doch wie reagierte das Publikum, die sich in ihrer Zahl stetig vergrößernde Gruppe der Kenner und Liebhaber von zeitgenössischer Klaviermusik? Der seinerzeit bekannte Berliner Musiktheoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg reflektierte 1750 in seinem Critischen Musicus an der Spree über die „Württembergischen Sonaten“:

„Schöne zärtliche Töne machen die Musik allein nicht schön, sondern sie müssen auch zu rechter Zeit angebracht werden. Am unrechten Orte verursachen sie nichts als Verwirrung, verhindern die Verständlichkeit – und die Zuhörer, weil sie in dergleichen Töne nicht so sterblich verliebt sind wie die Spieler, werden der Musik überdrüssig, denken was anderes oder gehen davon. Unser Herr Bach spielete vor einiger Zeit einem meiner guten Freunde die sechste aus dem zweiten Teil seiner herausgegebenen Sonaten vor. Dieser Freund gestund mir, dass er sonst das Unglück habe, meistenteils zerstreuet zu werden, ehe ein Stück zu Ende käme. Bei diesem aber habe er seinen Plan wahrgenommen und eine Ausführung desselben, die ihn in beständigem Feuer und in unverrückter Aufmerksamkeit erhalten. Dieser gute Freund ist ein bloßer Liebhaber der Musik, und er hat die Sprache der Töne ohne hinzu gekommene Worte verstanden. Es ist also gar nicht willkürlich, ein Stück so bunt oder so zärtlich zu spielen, wie man nur will. Jedes will seine besondere Art haben.“3

Macht eine solche Aussage, möchten wir heute hinzufügen, nicht zusätzlich neugierig auf diese wenig bekannten Sonaten, die immerhin den Beginn einer verheißungsvollen Karriere des Klavierkomponisten Carl Philipp Emanuel Bach markieren?

HGO


1. Georg Anton Griesinger, Biographische Notizen über Joseph Haydn, Leipzig 1810, S. 13 (Neudruck: Wien 1954).

2. Musikalischer Almanach, hrsg. von Johann Friedrich Reichardt, Berlin 1796, Abschnitt „C. Ph. E. Bach“).

3. Friedrich Wilhelm Marpurg, Des critischen Musicus an der Spree erster Band, Berlin 1750, S. 217 (Neudruck: Hildesheim 1970).