"müßen jedem wahren Künstler zum hohen Genuß dienen"

21. November 2014

Achtzehn Jahre vor Carl Philipp Emanuels Tod in Hamburg wurde mehrere hundert Kilometer entfernt in dem damals gerade einmal 11.000 Einwohner aufweisenden Bonn ein Junge getauft, der später einer der bedeutendsten Komponisten der Menschheitsgeschichte werden sollte: Ludwig van Beethoven.

Auch der jüngste der drei Wiener Klassiker lernte in seiner musikalischen Ausbildung Bachsche Kompositionen kennen. Für diese offensichtlich sehr eingehende Beschäftigung mit der Klaviermusik des zwei Generationen älteren Komponisten sorgte Beethovens Lehrer Christian Gottlob Neefe. Neefe, ein indirekter Schüler des zweiten Bachsohns, hatte diesem eigens 1774 seine erste Sammlung von Klaviersonaten gewidmet.

Beethoven kam während seines Unterrichts bei dem damals bereits bekannten Singspielkomponisten in den frühen 1780er Jahren vor allem mit Klavierwerken von Vater und Sohn Bach in Berührung, eine gute Wahl – möchte man heute sagen – für Beethovens zunächst angestrebte Pianisten-Karriere. Im Zentrum der durch Neefe vermittelten didaktischen und methodischen Grundsätze des Klavierspiels dürfte der „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ gestanden haben. So nimmt es nicht Wunder, dass auch Beethoven später als Klavierlehrer nach diesem Lehrwerk unterrichtete. Als Carl Czerny sein Schüler werden wollte, ließ Beethoven dessen Vater wissen:

Ludwig van Beethoven. Stich in Punktiermanier von Carl Traugott Riedel (1813) nach Louis Letronne als Vorlage für den Lichtdruck. (Quelle: Deutsche Fotothek)„Ihr Sohn hat Talent; ich will ihn selbst unterrichten, schicken Sie ihn wöchentlich zweimal zu mir. Verschaffen Sie ihm sogleich Philipp Emanuel Bachs Lehrbuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, das soll er mitbringen.“1

Dass Beethovens Schaffensdomäne, die Instrumentalmusik, durch C. P. E. Bachs Stil beeinflusst wurde, ist längst musikwissenschaftlicher Konsens. Im Jahre 1809, seine Sinfonien waren bereits bis zur 6., der „Pastorale“, gediehen, seine Klaviersonaten bis zur Nr. 26 (Les Adieux – Das Lebewohl), richtete Beethoven am 26. Juli 1809 seinen ersten Brief bezüglich der Klavierwerke Bachs an den Verlag Breitkopf und Härtel:

„... Von Emanuel Bachs Klavierwerke habe ich nur einige Sachen, und doch müßen einige jedem wahren Künstler gewiß nicht alle[i]n zum hohen Genuß sondern auch zum Studium dienen, und mein größtes Vergnügen ist es werke die ich nie oder nur selten gesehn, bey enigen wahren Kunstfreunden zu spielen. ...“2

Der Leipziger Verlag kam dieser Bitte zunächst nicht nach, worauf Beethoven am 15. Oktober 1810 diese wiederholte (vgl. Beethoven: Briefwechsel Gesamtausgabe, S. 163). Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, war sich der Komponist nicht zu schade, in dieser Angelegenheit einen dritten Brief abzuschicken. So schrieb er am 28. Januar 1812:

„... die C. p. Emanuel Bachs sachen, könnten sie mir wohl einmal schenken, sie vermodern ihnen doch. …“3

Diese Aussage verdeutlicht, dass Bachs Kompositionen bereits zwei Jahrzehnte nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit geraten waren. Nicht zuletzt der Umstand, dass Beethoven Philipp Emanuel besonders schätzte, trug dazu bei, dass die Musikforschung schon früh, so im Jahre 1911 in Heinrich Jalowetz‘ Aufsatz „Beethoven‘s Jugendwerke in ihren melodischen Beziehungen zu Mozart, Haydn und Ph. E. Bach“ das Forschungsinteresse auf den zweiten Bachsohn lenkte.

AS


1. Theodor Frimmel, Beethoven-Handbuch, Bd. 1, Leipzig 1926, S.102

2. Ludwig van Beethoven: Briefwechsel Gesamtausgabe, hrsg. im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn von Sieghard Brandenburg, Bd. 2: 1808-1813, München 1996, S. 72

3. Beethoven: Briefwechsel Gesamtausgabe, S. 236