Musikalische Erziehung im Hause Bach

15. März 2014

Johann Sebastian Bach verließ Weimar 1717 mit seiner Familie aufgrund beruflicher Umorientierung. Die Stelle als Konzertmeister am Hof der Herzöge Wilhelm Ernst und Ernst August gab er auf, um in Köthen den Posten als Hofkapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen anzutreten. Etwa zu dieser Zeit begann Philipp Emanuel mit dem Klavierunterricht. Da die musikalische Erziehung seiner Kinder Johann Sebastian Bach sehr wichtig war, nahm er diese auch selbst in die Hand.

Für den ersten Sohn Wilhelm Friedemann stellte er sogar eigene Kompositionen zum Üben zusammen, das Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach (1720). Es ist davon auszugehen, dass auch Philipp Emanuel nach diesem Übungsbuch seines Bruders unterrichtet wurde.

Der Bach-Sohn hat sich rückblickend mehrfach zum väterlichen Unterricht geäußert. So heißt es in C. P. E. Bachs Versuch aus dem Jahre 1753:

„Es ist schädlich, die Scholaren mit zu vielen leichten Sachen aufzuhalten; sie bleiben hierdurch immer auf einer Stelle, einige wenige von der ersten Art können zum Anfange hinlänglich seyn. Es ist also besser, daß ein geschickter Lehrmeister seine Schüler nach und nach an schwerere Sachen gewöhnet. Es beruht alles auf der Art zu unterweisen und auf vorhero gelegten guten Gründen, hierdurch empfindet der Schüler nicht mehr, daß er an schwerere Stücke gebracht worden ist. Mein seliger Vater hat in dieser Art glückliche Proben abgelegt. Bey ihm musten seine Scholaren gleich an seine nicht gar leichte Stücke gehen.“1

Portrait einer Musikerfamilie, Ölgemälde, vermutlich von Balthasar Denner, um 1730 (Quelle: Internationale Bachakademie Stuttgart) – Ob es sich um ein Familienbildnis Johann Sebastian Bachs und seiner Söhne handelt, ist in der Forschung umstritten.C. P. E. Bach an Johann Nikolaus Forkel, Hamburg, 13. Januar 1775

„Da er selbst die lehrreichsten Claviersachen gemacht hat, so führte er seine Schüler dazu an. In der Composition gieng er gleich an das Nützliche mit seinen Scholaren, mit Hinweglaßung aller trockenen Arten von Contrapuncten, wie sie in Fuxen u. anderen stehen. Den Anfang mussten seine Schüler mit der Erlernung des reinen 4stimmigen Generalbaßes machen. Hernach gieng er mit ihnen an die Choräle; setzte erstlich selbst den Baß dazu, u. den Alt u. den Tenor musten sie selbst erfinden. Alsdenn lehrte er sie selbst Bäße machen. Besonders drang er sehr starck auf das Aussetzen der Stimmen im General-Baße. Bey der Lehrart in Fugen fieng er mit ihnen die zweystimmigen an, u.s.w. Das Aussetzen des Generalbaßes u. die Anführung zu den Chorälen ist ohne Streit die beste Methode zur Erlernung der Composition, quod Harmoniam. Was die Erfindung der Gedancken betrifft, so forderte er gleich anfangs die Fähigkeit darzu, u. wer sie nicht hatte, dem riehte er, gar von der Composition wegzubleiben. Mit seinen Kindern u. auch anderen Schülern fieng er das Compositionsstudium nicht eher an, als bis er vorher Arbeiten von ihnen gesehen hatte, woraus er ein Genie entdeckte.“2

AS


1. C. P. E. Bach, Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, Teil 1, Berlin 1753, S 10.

2. Zit. nach H.J. Schulze (Hrsg.): Dokumente zum Nachwirken Johann Sebastian Bachs 1750–1800. Bd. 2., Leipzig 1972, S. 289.