Noch mehr Bach?

31. Dezember 2014

Mit dem 14. Dezember, dem Todestag Carl Philipp Emanuel Bachs, gelangt unsere Reise durch die wichtigsten Stationen und Ereignisse seines Lebens an ihr Ende.

Wir begleiteten den zweiten Bachsohn durch seine Kindheit und Jugend unter den Augen und im Schatten seines Vaters und verweilten in den Städten Weimar, Köthen und Leipzig. Wir berichteten über seine erkämpfte Eigenständigkeit als Student und junger Mann in Frankfurt an der Oder und wir lenkten Ihre Aufmerksamkeit, verehrte Leser, auf Bachs Festanstellungen in Berlin und Potsdam sowie seit 1768 in Hamburg, wo sich sein Ruf als einer der innovativsten und namhaftesten europäischen Komponisten etablierte. Neben dieser Darstellung seiner Lebensstationen wurde anhand von tieferen Einblicken in ausgewählte Werke auch seine kompositorische Entwicklung veranschaulicht. Unsere Absicht hinter diesen Schlaglichtern auf Bachs Schlüsselwerke ist, Interesse für seine Musik zu wecken und zu fördern, ein Interesse, das weit über das Jubiläumsjahr 2014 hinaus andauern möge.

Nachdem Carl Philipp Emanuel Bach lange Zeit unbeachtet und vergessen war, gewann die Wiederentdeckung dieses Originalgenies seit etwa drei Jahrzehnten endlich an Schwung. Zwar reicht die musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinen Kompositionen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, als der belgische Bibliothekar und Musikwissenschaftler Alfred Wotquenne (1867–1939) sein Werkverzeichnis Catalogue thématique des œuvres de Charles Philippe Emmanuel Bach veröffentlichte. Basierend auf einem Katalog und dem Quellenbestand des Schweriner Organisten und Musikaliensammlers Johann Jacob Heinrich Westphals (1756-1825) war dieses Verzeichnis schon zur Entstehungszeit alles andere als aktuell.

1989 verbesserte sich die Erfassung von Bachs Werken durch E. Eugene Helms Thematic Catalogue of the Works of Carl Philipp Emanuel Bach zwar spürbar, doch ein umfangreiches Werkverzeichnis, das alle derzeit vorliegenden Bach-Quellen berücksichtigt, wird erst jetzt in Angriff genommen. Helms Katalog fiel in die Zeit um Bachs 200. Todesjahr 1988, in der die C.P.E. Bach-Forschung einen spürbaren Aufschwung erlebte. In diesen Jahren erschienen Monographien und Briefausgaben, fanden Tagungen statt. Vor allem aber Bachs Werke erregten eine große Aufmerksamkeit. Als wie so oft nach den Feierlichkeiten das Interesse an unserem Bach nachzulassen drohte, befeuerte ein sensationeller Fund die Rezeption aufs Neue —die Rückführung des bis dahin verschollen geglaubten Bestands der Sing-Akademie zu Berlin aus Kiew nach Deutschland, u.a. mit 360 handschriftlichen Quellen und Drucken von Bach.

Vor allem zwei Institute sind hinsichtlich der wissenschaftlichen Aufbereitung dieses Quellenfundus federführend, das Bach-Archiv Leipzig und das Packard Humanities Institute im kalifornischen Los Altos. Gegenwärtig entstehen eine Gesamtausgabe, The Complete Works of C. P. E. Bach, sowie ein modernes Thematisches Verzeichnis der Werke des zweiten Bachsohns.

Ausschnitt aus der Vignette zum Klavierauszug der Passionskantate „Die letzten Leiden des Erlösers“, Wq 233. Stich von A. Stöttrup, 1789.

Wie die Wiederkehr des Todesjahres hat auch das diesjährige Jubiläum dem Komponisten eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit geschenkt. Das Autorenteam dieser Artikelserie ist fest davon überzeugt, dass dieser Meister es verdient, nicht nur für ein Jahr, sondern dauerhaft anerkannt und gespielt zu werden. Durch unsere wöchentlichen Beiträge, die durch Zeugnisse seiner und unserer Zeit sein Leben und sein kompositorisches Schaffen widerspiegeln, wollten wir Sie, verehrte Leser, auf Neues und Erinnerungswertes hinweisen. Doch leider zeigte sich auch, dass unser Bach noch längst nicht überall angekommen ist. Auf den Spielplänen der großen Musikinstitutionen und Festivals ist „Bach (CPE)“ ein Exot geblieben. Somit ist noch viel Arbeit nötig, um diesen Status Quo zu verändern.

Die Rezeptionsgeschichte dieses bedeutenden Komponisten hat Höhen und Tiefen erlebt. Sie wird heutzutage durch engagierte Künstler, begeisterte Wissenschaftler und natürlich aufgeschlossene Hörer hoffentlich in eine Richtung gesteuert, welche diesen Komponisten und seine Werke wieder nachhaltig in das Konzertleben integrieren. Zu Lebenszeiten Philipp Emanuels dachte man beim „großen Bach“ unmittelbar an ihn, während sein Vater noch nicht in aller Munde war. Wenige Jahre nach dem Tod des Sohnes drehten sich diese Vorlieben um: Mehr als anderthalb Jahrhunderte war Philipp Emanuel ein weitgehend vergessener Komponist, die künstlerische Reputation seines Vaters hingegen gewann immer mehr an Bedeutung, bis er schließlich als „der Bach“ schlechthin angesehen wurde. Es ist aber an der Zeit, dass die Wahrnehmung Philipp Emanuels wieder nach oben ausschlägt. Wir sind der Meinung, dass es in den Konzertprogrammen sowohl für den Vater als auch den Sohn noch viel Platz gibt — Platz für: Noch mehr Bach.

Holly Brown (HB), Carlos Lozano Fernández (CLF),
Anna Schneider (AS), Clara Michal Steinau (CMS)
Betreuender Professor: Hans-Günter Ottenberg (HGO)