Pate der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin

13. September 2014

Ein Kapitel über die Rezeption des Werkes von Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin in Geschichte und Gegenwart zu schreiben, würde wohl sehr opulent ausfallen. Verwiesen werden müsste nämlich auf die vielen bekannten und namenlosen Bach-Enthusiasten, die in der preußischen Metropole des 18. Jahrhunderts dafür sorgten, dass seine Musik erklang; auf Johann Philipp Kirnberger, Friedrich Wilhelm Marpurg, Johann Friedrich Reichardt und viele weitere.

Auch im 19. Jahrhundert gab es solche passionierten Musikfreunde und Künstler, die die Erinnerung an den 1788 verstorbenen Musiker wachhielten, etwa Sara Itzig und ihr Kreis oder Carl Friedrich Zelter, der Bachsche Werke wie das „Heilig“ Wq 217 mit seiner Singakademie aufführte. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war es der Berliner Bibliothekar Franz Espagne, der im Jahre 1860 mit der Drucklegung der vier „Orchester-Sinfonien“ Wq 183 ihren Weg in die Konzertsäle ermöglichte. Seitdem zählt die Zahl derer, Künstler und Musikfreunde, Forscher und Editoren, die sich mit dem kompositorischen Oeuvre Bachs auseinandergesetzt haben Legion. Stellvertretend sei das Berliner Kammerorchester C. P. E. Bach unter Leitung von Hartmut Haenchen genannt, das vier Jahrzehnte als überragender künstlerischer Anwalt der Musik des zweiten Bachsohns agierte.

Carl Philipp Emanuel Bach, Pastell von Johann Philipp Bach, um 1775. (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv)Und doch gibt es eine Berliner Institution, die wohl an erster Stelle genannt werden muss, wenn es um die Voraussetzung für alle künstlerischen und wissenschaftlichen Bemühungen um Leben und Werk C. P. E. Bachs geht: die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, die weltweit gesehen über die umfangreichsten Quellenbestand Bachscher Werke besitzt.Das betrifft sowohl Johann Sebastian Bach, von dem sie 80% aller heute noch erhaltenen Autographen verwahrt sowie bedeutende Anteile an Musikalien seiner komponierenden Söhne.

Über den Werdegang der Bach-Sammlung gibt ein sehr instruktiver Ausstellungs-Katalog „‘Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen‘ Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin“ (2014) Auskunft, aus dessen von Martina Rebmann verfassten Kapitel „Carl Philipp Emanuel Bach – Pater der Musikabteilung“ wir nachfolgend zitieren:

"Als Glücksfall für die Forschung erweist sich, dass auch das 1999 in Kiew (Ukraine) wieder aufgefundene Archiv der Sing-Akademie zurück in Berlin ist. Es wird heute als Depositum in der Staatsbibliothek verwahrt. Carl Philipp Emanuel Bachs Quellen bildet dabei das Kernstück der Bach-Sammlung, die wieder um etwa 10 Prozent des Bestandes ausmacht. Carl Friedrich Zelter war es, der die Sammlung ganz entscheidend auf-und ausgebaut hat, von ihm stammt auch ein Katalog der Bestände. In das Archiv der Sing-Akademie sind Musikaliensammlungen mit Bach-Schwerpunkten eingegangen, wie diejenige von Sara Levy, geb. Itzig (1761 bis 1854), einer Pianistin und Großtante Felix Mendelssohns in Berlin, die Carl Philipp Emanuel Bachs Musik sehr schätzte und ihn förderte.

Da sowohl die Königliche Bibliothek als auch die Sing-Akademie ihre Bach-Bestände aus denselben Quellen erworben haben, ergibt sich eine ausgezeichnete gegenseitige Ergänzung der Musikalien. Die Verwahrung an einem und demselben Ort ist für die Forschung von erheblichem Vorteiles Es bleibt also Carl Philipp Emanuel Bachs Verdienst, als Verwalter seiner musikalischen Sammlung das Bachsche Erbe für die Zukunft in der Musikabteilung der Staatsbibliothek bewahrt zu haben. Dies ist sicher einzigartig in der Geschichte des 18. Jahrhunderts. Ohne die Sorgfalt des zweiten Bach-Sohnes hätten wir heute nicht eine so hohe Anzahl an autographen Quellen und damit an Werken Johann Sebastian Bachs und seiner Familie überliefert.

Diese Sorgfalt im Umgang mit dem familiären Erbe zeichnet C.P E. Bach ganz besonders aus. Verfolgt man die wechselvolle Geschichte der Bachschen Handschriften, dann verdient es Carl Philipp Emanuel Bach, als Pate der Musikabteilung der Staatsbibliothek genannt zu werden. […] Bachs universeller Sammelgedanke wurde von Poelchau, Mendelssohn und anderen fortgeführt. Er legte damit den Grundstein für eine der größten und reichsten Musiksammlungen in öffentlicher Hand.

HGO