Schmeichelnd, mit brillanten Passagen - Bachsche Clavierkonzerte

21. Juni 2014

Insgesamt 52 Konzerte für Tasteninstrument und Orchester sind von Carl Philipp Emanuel Bach überliefert. Eine Gattung also, die einen Großteil seines musikalischen Schaffens ausmacht. Seine Konzerte sind nicht für das in der Klassik immer mehr verbreitete und bevorzugte Fortepiano geschrieben, bei Bach ist das „Clavier“ – wie auch bei seinem Vater J.S. Bach – meist das Cembalo.

Den Großteil der Clavierkonzerte komponierte Bach in seinen Berliner Jahren. Allein in der Zeit am preußischen Hof entstanden 38 seiner Konzerte. Sein erstes Konzert stammt aber noch aus den Leipziger Zeiten. Gerade einmal 19 Jahre war Bach damals alt. Abgeschlossen hat Bach diese Gattung mit einem letzten Konzert, welches in seinem Todesjahr 1788 entstand. Das Schaffen von Carl Philipp Emanuel Bach – allein auf die Clavierkonzerte bezogen – erstreckt sich also über eine Zeitraum von mehr als 50 Jahren. Viele Jahre, in denen die Gattung sich entwickelt und verändert hat.

Die ersten Konzerte von Bach waren noch in der damals vorherrschenden Ritornellform gehalten. Er ahmte zunächst noch den Stil des Vaters nach.

Johann Joachim Quantz beschreibt in einem Text ausführlich, wie diese Art des Konzertierens und des Wettstreites umgesetzt werden solle.

„§. 33. Ein ernsthaftes, oder für das Große gesetzetes einfaches Concert verlanget im ersten Satze:
1. ein prächtiges und mit allen Stimmen wohl ausgearbeitetes Ritornell;

2. einen gefälligen und begreiflichen Gesang;
3. richtig Imitationen.
4. Die besten Gedanken der Ritornells können zergliedert, und unter oder zwischendie Solo vermischtet werden.
5. Die Grundstimme muß wohlklingend, und baßmäßig seyn.
6. Man mache nicht mehr Mittelstimmen, als es die Hauptstimme erlaubet: denn es thut oftmals bessere Wirkung, wenn man die Hauptstimmen verdoppelt; als wenn man die Mittelstimmen hinein zwingt.
7. Die Bewegungen der Grundstimme und der Mittelstimmen dürfen die Hauptstimme, weder an ihrer Lebhaftigkeit verhindern, noch sie übertäuben oder unterdrücken.

Klavierkonzert in der Züricher "Gesellschaft auf dem Musiksaal". Kupferstich von Johann Rudolf Holzhalb, 177. Zürich, Zentralbibliothek.8. Im Ritornell muß man eine proportionirliche Länge beobachten, Es muß dasselbe wenigstens aus zween Haupttheilen bestehen. Der weyte Theil davon, muß, weil man ihn am Ende des Satzes wiederholet, und damit schließet, mit den schönsten und prächtigsten Gedanken ausgekleidet werden.
9. Sofern der Anfangsgedanke von Ritornell nicht singend, noch zum Solo bequem genug ist: so muß man einen neuen Gedanken, welcher jenem ganz entgegen ist, einführen, und mit den Anfangsgedanken dergestalt verbinden, daß man nicht bemerken könnte, ob solches aus Noth, oder mit gutem Bedachte geschehen sey.
10. Die Solosätze müssen theils singend seyn, theils muß das Schmeichelnde mit brillanten, melodischen, und harmonsichen, dem Instrumente aber gemäßen Passagen, untermischet, auch, m das Feuer bis ans Ende zu unterhalten, mit kurzen, lebhaften, und prächtigen Tuttisätzen abgewechselt werden.
11. Die concertirenden oder Solosätze dürfen nicht zu kurz, die mittelsten Tutti hingegen, nicht zu lang seyn.
[…]
16. Am Ende darf man sich nicht übereilen, oder zu kurz abschnappen: man muß dasselbe vielmehr wohl zu befestigen suchen. Man darf nicht mit lauter neuen Gedanken schließen: man muß vielmehr die gefälligsten Gedanken von dem, was vorher gehöret worden, im letzte Solosatze wiederholen.
17. Endliche muß man im letzten Tutti, mit dem zweyten Theile vom ersten Ritornell, das Allegro, so kurz als möglich ist, beschließen.“1

Spätestens ab der Hamburger Zeit hat sich Bach ganz von der Ritornellform weg und hin zum Sonatenkonzertsatz bewegt. Doch bereits vorher sind diese Tendenzen zu erkennen. Im Klavierkonzerte d-Moll, Wq 23 aus dem Jahre 1748 ist im ersten Satz schon die ganze Bachsche Leidenschaftlichkeit zu hören.

Während die ersten Konzerte noch vom alten, barocken Stil und der affektbezogenen Thematik geprägt sind, wendet sich Bach immer mehr dem galanten Stil hin. Johann Georg Sulzer beschreibt in seiner Konzertdefinition, wie wichtig und ausschlaggebend Leidenschaft und Empfindungen sind.

„Hören wir ein Concert, oder ein anderes Tonstük, so dürfen wir nur Achtung geben, ob wir empfinden, daß Gesang, Harmonie und Bewegung mit den Aeußerungen einer bekannten Leidenscahft oder Empfindung übereinkommen, ob sie sich durch das ganze Stück allmählig verstärkt, oder ob sie bey demselbe Grade der Stärke verschiedene Wendungen annimmt, wobey wir aber immer dieselbe Leidenschaft, oder Empfindungen sprechen hören. Hat dieses statt, so ist das Concert im Ganzen klar und verständlich genug.“2

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1. Johann Joachim Quantz, Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen, Berlin 1725, S. 295 f.

2. Artikel „Klarheit“, Johann Georg Sulzer, Allgemeine Theorie der Schönen Künste,3. Teil, Leipzig 1787, S. 31