Studentenleben an der Oder

19. April 2014

Was konnte den in seinen Zukunftsplänen noch ungefestigten Komponisten zu Beginn seiner zwanziger Jahre dazu veranlasst haben, die reiche Musikstadt Leipzig zu verlassen, um in einer kleinen Provinzstadt mit nicht einmal zehntausend Einwohnern zu studieren? Die günstige Lage verhalf Frankfurt Oder zwar durchaus zur Bedeutsamkeit, aber in den Jahren des dreißigjährigen Krieges war die Stadt in ihrer Entwicklung weit zurückgeworfen worden und erholte sich noch Jahrzehnte später nur schwerlich davon.

Doch ihr Faustpfand war die ansässige Universität Alma Mater Viadrina, die mit Gründung im Jahre 1516 erste brandenburgische Landesuniversität, welche mit ihren vier Fakultäten Jura, Theologie, Medizin und Philosophie, sowie einem exzellenten Ruf, zwischenzeitlich bis zu neunhundert Studenten, manche davon gar aus Norwegen, an den Grenzfluss zog. Diese brachten frische Impulse in den Ort und belebten den Alltag – durchaus auch musikalisch. Diverse Aufführungsnachweise von Musiken, teils mit beachtlichen vierzig teilnehmenden Studenten, geben Zeugnis, dass es ein reges Musikleben gegeben hat. Noch vor Philipp Emanuel zeichnete der sechs Jahre ältere Johann Gottlieb Janitsch (1708-1763) für ausgedehnte musikalische Aktivitäten verantwortlich und begegnete diesem später in der Königlich-Preußischen Hofkapelle wieder. Diese Umstände lassen vermuten, dass die Stadt für angehende Musiker sich unter der Hand den Ruf einer lohnenden Zwischenstation erworben hatte.

Darüber hinaus war Frankfurt Oder für Philipp Emanuel auch durch dessen lange und außerordentliche Tradition des musikalischen Verlagswesens interessant, welche für seine spätere Praxis als Selbstverleger möglicher Weise prägende Anreize bot. Mehrmals jährlich fanden Buchmärkte statt und die Liebe zum bedruckten Papier äußerte sich zudem in einer Universitätsbibliothek, welche als eine der ersten mit täglichen Öffnungszeiten einen Schritt zur bürgerlichen Gebrauchsbibliothek wagte und Kataloge ihrer Bibliotheksbestände veröffentlichte.

Leonhard Christoph Sturm: Grundriss der Stadt Frankfurt an der Oder aus dem Jahre 1706 mit Stadtwappen. (Quelle: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek + Kartensammlung. http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/70305289)

Die persönlichen Dokumente zu Philipp Emanuels Frankfurter Zeit sind äußerst spärlich. Mit wenigen Aufführungshinweisen, einem Satz in seiner Selbstbiographie und diversen Einträgen gibt es für die Forschung nicht viel, was Aufschluss über diese Periode und ihre Hintergründe gibt. Wie ernst war es ihm mit dem Jurastudium? Verließ er Leipzig, um dem Einfluss seines Vaters zu entgehen? Wie gestaltete sich dort sein Leben? Dies lässt sich nicht abschließend beantworten.

Vielleicht aber kann man sich seinen Alltag besser vorstellen, wenn man zwei andere berühmte Studenten der Viadrina zu Wort kommen lässt. Gut fünfzig Jahre später berichteten die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt dem gemeinsamen Jugendfreund Ephraim Beer in Briefen von ihrem Studium in der Oderstadt. Diese vermitteln einen Eindruck, wie das studentische Leben sich auch für Emanuel angefühlt haben könnte.

„Wie es mir hier gefällt, ob ich meine jetzige Lage als Student der ehemaligen in Berlin vorziehe, sind Fragen, die mir zwar täglich vorgelegt werden, die sich aber weder mit gut oder schlecht noch mit ja oder nein beantworten lassen. Die Freude eines freundschaftlichen (doch aber bloß männlichen) Umganges, die wir hier in so vollem Maße genießen, abgerechnet, würde Frankfurt freilich für uns ein trauriger Ort sein. Doch mit ein wenig Philosophie wird man bald gewahr, daß der Mensch für jeden Erdstrich, und also auch für die frostigen Ufer der Oder, geboren ist. […] Die Anzahl der hiesigen Studenten ist sehr klein. Sie beläuft sich gegenwärtig auf etwa 220 bis 230, […].“1

„Wollen Sie wissen, wie ich meinen Tag zubringe, Lieber? Um fünf Uhr oder etwas später, doch immer vor sechs, stehe ich auf und arbeite bis zehn Uhr. Dann hab´ ich bis Mittag eine Stunde Kirchengeschichte und eine andere Reichsgeschichte. Um zwölf wird gegessen bis etwa halb zwei. Dann lauf ich allein spazieren oder gehe zu Keverberg bis zwei. Nachher bin ich wieder bis sechs im Kollegium, einem ökonomischen und drei juristischen. Nach sechs, wenn ich noch nicht ausgebeten bin, was, so selten es auch ist, mir doch noch zu oft kommt, arbeite ich wieder bis acht. Von acht bis zehn wird gegessen und gewöhnlich bei Löfflers etwas vorgelesen. Dann arbeite ich noch bis elf, manchmal auch später, und so endigt sich mein Tag. Wenn Sie nun die Zeit bedenken, die zum eigenen Studieren bei dieser Einteilung übrigbleibt, so sehen Sie wohl, daß sie zum Vorbereiten und Wiederholen aller dieser Stunden ziemlich klein ist.“2

CLF


1. Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787-1799, hrsg. von I. Jahn und F. G. Lange, Berlin 1973, S. 4.

2. Wilhelm von Humboldt. Sein Leben und Wirken, dargestellt in Briefen, Tagebüchern und Dokumenten seiner Zeit, hrsg. von R. Freese, Berlin 1955, S. 44-45.