Thun Sie mir nur nicht wieder etwas...

04. Oktober 2014

Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Kantor und Musikdirektor in Hamburg, komponierte Carl Philipp Emanuel Bach 1768/69 sein erstes Oratorium „Die Israeliten in der Wüste“. Das Libretto stammte vom Hamburger Dichter Daniel Schiebeler. Zwar ist es mit seinem alttestamentlichen Stoff ein Werk für die Kirche, Bach war es jedoch wichtig, dass sein Oratorium auch und vor allem in Konzertsälen aufgeführt werden sollte.

Die Publikation des Werkes einige Jahre später durch seinen Leipziger Verleger Johann Gottlob Breitkopf bereitete Bach einiges Kopfzerbrechen und führte auch zu finanziellen Einbußen. Damit abgeschätzt werden konnte, wie viele Abnehmer es wohl für das gedruckte Oratorium geben würde, hatte Bach Subskriptions-Listen ausgelegt, in die sich die Interessenten im zeitlichen Vorfeld der Drucklegung eintragen konnten. Sie verpflichteten sich gleichzeitig damit, eine Druckausgabe käuflich zu erwerben. Eine übliche Methode, die Bach jedoch in diesem Fall auch Ärger einbrachte. Er hatte nämlich im Februar des Jahres 1775 mit den Exemplaren seines Verlegers Breitkopf gerechnet. Dies verzögerte sich allerdings um mehrere Monate. Im November kam es dann zu einem Missverständnis, da Breitkopf – statt zunächst an Bach und dessen Subskribenten zu liefern – mehrere Exemplare an eine Buchhandlung in Berlin geschickt hatte. Diese Buchhandlung gab in einer Anzeige vom 2. November 1775 in der Berliner Presse bekannt, dass die „Israeliten“ nun käuflich zu erwerben seien. Nur wenige Tage später reagierte Bach in einem Artikel im „Hamburger Unpartheyischen Correspondenten“ auf die Ankündigung aus Berlin.

Carl Philipp Emanuel Bach, Oratorium "Die Israeliten in der Wüste", Wq 238, Hamburg, 1775. (Quelle: Sammlung Kulukundis, aufbewahrt im Bach-Archiv Leipzig)Zu meiner größten Verwunderung finde ich in den Berlinischen Zeitungen vom 2ten November, daß mein Oratorium: Die Israeliten, in der Haudischen Buchhandlung für 4 Rthlr. 12. Gr. zum Verkauf ausgeboten wird. Da nun die meisten meiner Herren Subscribenten noch nicht befriedigt sind; so bekenne ich hiedurch, daß ich an diesem unrechtmäßigen und zu frühzeitigen Verkaufe völlig unschuldig bin, indem ich noch bis Dato meine Exemplare nicht habe, sie aber alle Tage erwarte, und nach Erhaltung derselben sämmtliche Herren Subscribenten sogleich befriedigen,und die Auslieferung davon durch die Zeitungen ankündigen werde. Vorläufig kann ich den Kauflustigen melden, daß das Exemplar, nebst dem Texte, nicht mehr, als 3 Rthlr. 2 Gr. kosten wird. Hamburg, den 9ten November, 1775. C.P.E. Bach

In einem persönlichen Brief an seinen Verleger Breitkopf, vermutlich ebenfalls vom 10. November 1775, wird Bachs Unmut über die Situation noch deutlicher.

Hochedelgebohrner, Hochgeehrtester Herr,

Seit 14 Tagen habe ich mit beynahe 3 [Talern] so viele grobe Briefe einlösen u. so viele flegelmäßige Grobheiten einfreßen müßen, als ich in meinem ganzen Leben nicht geglaubt habe. Hieran sind die Berliner Zeitungen vom 2ten November schuld. Ich laure, wie ein armer Sünder auf meine Exemplare, die hiesigen Buchhändler haben von Ihnen ihre Frachten gekriegt, aber für mich nichts. […] Um zur Ruhe u. meiner Ehre zu kommen habe ich in den Zeitungen mich defendiren müßen. [...] Er bleibt darbey. Wegen Dero H. Sohns will ich alles thun, thun Sie mir nur nicht wieder etwas, was Ihnen sonst gar nicht ähnlich ist. Ich schließe aus Verdruß u. bin wie allezeit

Ihr Bach.“

Was als Lieferungsfehler durch den Verleger begann, endete in finanziellen Einbußen für Carl Philipp Emanuel Bach. Viele der „groben“ Briefe kamen unfrankiert, sodass Bach sie gegen Geld einlösen musste. Außerdem hatte Bach die Beschwerdebriefe wohl allesamt beantwortet und somit nochmals einen großen Betrag an Porto ausgegeben. In seinem Zeitungsartikel wird auch deutlich, dass er die Drucke billiger offerierte als ursprünglich vorgesehen. Für den freien Verkauf unterbot Bach den Preis des Berliner Buchhändlers. Und um seine Subskribenten zu beschwichtigen und als solche zu behalten drückte er den Preis für diese nochmal stark nach unten.

Ein einfacher Fehler, mit beachtlichen Konsequenzen für Bach.

CMS


1. Quelle: zit. nach Barbara Wiermann, Carl Philipp Emanuel Bach: Dokumente zu Leben und Wirken aus der zeitgenössische Hamburger Presse (1767-1790), Hildesheim 2000(=Leipziger Beiträge zur Bach-Forschung 4), S. 205.

2. Quelle: zit. nach Ernst Suchalla: Carl Philipp Emanuel Bach. Briefe und Dokumente, Bd. 1, Göttingen 1994, S. 528.