Von beweglichen Lettern ins digitale Medium

12. Juli 2014

C.P.E. Bach lebte in einer Zeit des Umbruchs hinsichtlich der Drucklegung von Kompositionen. Im deutschsprachigen Raum des frühen 18. Jahrhunderts, also zur Zeit Johann Sebastian Bachs, war die Idee, alle Werke der Öffentlichkeit zugänglich und käuflich zu machen, eher utopisch. Ab der Generation C.P.E. Bachs dagegen mussten sich Komponisten mit der Aufgabe der Veröffentlichung ihrer Musik auseinandersetzen.

Emanuel Bach wurde zu einem Alles-Könner im Bereich der Musikpublizistik. Wie sein Pate Georg Philipp Telemann übernahm Emanuel unter anderem die Tätigkeiten eines Komponisten, Verlegers und sogar eines Graveurs. Ein solch breit aufgefächertes Aufgabenspektrum zu realisieren, kam um 1750 durchaus häufig vor.

Da Emanuels wichtigster Verleger Breitkopf in Leipzig hauptsächlich als Drucker tätig war, lag die Weitergabe der von Breitkopf gedruckten, gestochenen, oder sogar noch geschriebenen Noten oftmals in der Hand des Komponisten oder seines Publizisten. Das finanzielle Risiko hatte allerdings der Komponist zu tragen, was natürlich oftmals mit Stress verbunden war. So schrieb Emanuel aufgeregt an Breitkopf, nachdem deutlich wurde, dass der Druckauftrag für sein Oratorium Auferstehung und Himmelfahrt Jesu einen Umfang von 45 statt 36 Blättern haben würde:

Liebster Freund,

Der Inhalt Ihres letzten Schreibens hat mich bey nahe krank gemacht. O wie viele Verbindlichkeit würde ich Ihnen haben, wenn Sie mir eher den Umfang meiner Cantate im Druck gemeldet hätten. Indeßen bitte ich Sie sehr, gleich nach Empfang dieses Briefs, nicht eine Note mehr an meiner Cantate setzen zu laßen.

Man hat mir hier mehr weisgemacht und versprochen, als gehalten. Sie haben keinen einzigen Pränumeranten u. ich etwa zehn. Alles was nur wahrscheinlich ist, ist, daß ich höchstens 50 Pränumeranten bekommen kann. Bey diesen Umständen kann ich zu Schelm werden. Wollte ich den Pränumerations-Preiß erhöhen, so treten die meisten zurück. Es sind mehrentheils arme Cantores p. Genung, es ist fest beschloßen: Meine Cantate in Partitur wird nicht fortgedruckt u. bleibt liegen.1

Briefliche Kontakte zwischen einem Komponisten und seinem Verleger sind nach 1750 üblich geworden und erweisen sich als sehr wichtig sowohl für eine Rekonstruktion der Musik- als auch der Mediengeschichte. C.P.E. Bach war einer der ersten, der regelmäßig mit seinen Verlegern korrespondierte. In der Folgezeit ist der Schriftverkehr zwischen Komponisten wie Beethoven, Brahms, Haydn, Mendelssohn, Schumann und Wagner mit Verlegern wie Artaria & Co., Breitkopf & Härtel, Haslinger, C.F. Peters, Schlesinger und Simrock Normalität geworden.

Graphik der „Carl Philipp Emanuel Bach Complete Works“ Webseite. (Quelle: cpebach.org)Die Geschichte der C.P.E. Bach-Editionen und -Forschung in den mehr als 200 Jahren seit seinem Tod ergibt heute ein sehr uneinheitliches Bild. Nach einer eher unspektakulären Zeit bezüglich der Publikationen seiner Werke um die Jahrhundertwende gewann sie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts endlich an Schwung. Das erste groß angelegte Editionsprojekt kam aus dem Ausland. In den 1860ern erschien unter dem Titel Le Trésor des Pianistes eine bedeutende mehrbändige Sammlung, in der auch 65 Sonaten und vier Rondos von Bach enthalten waren. Die Sammlung wurde von dem französischen Künstler-Ehepaar Jacques Hippolyte Aristide und Louise Farrenc herausgegeben. Etwa zu dieser Zeit, im Jahre 1868, wurde die erste Biografie über die Bach-Söhne von Carl Hermann Bitter vorgelegt.

Kurz nach der Jahrhundertwende, 1905, wurden die Bach-Werke von Alfred Wotquenne katalogisiert und fortan mit dem Kürzel „Wq.“ zitiert. Im Jahre 1989 legte E. Eugene Helm ein neues Werkverzeichnis vor, das für die verzeichneten Kompositionen das Sigel „H“ verwendet. Nach der Rückführung der Notenbibliothek der Sing-Akademie zu Berlin aus Kiew im Jahre 2001 wurde und wird der Gesamtbestand der Bachschen Werke und Quellen neu geordnet. Im März dieses Jahres wurde vom Bach-Archiv Leipzig der Band "Vokalwerke" des neuen dreiteiligen C.P.E. Bach-Werkverzeichnisses vorgelegt. Damit ist auch die Voraussetzung für neue wissenschaftliche und editorische Großprojekte gegeben. In der Verantwortung des Packard Humanities Institute und des Bach-Archivs liegt die Realisierung einer kritischen Gesamtausgabe, die sowohl als Print- als auch Digital-Medium genutzt werden kann. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

HB


1 Brief an Johann Gottlob Immanuel Breitkopf vom 23. Dezember 1784.