Werden Sie mir ja nicht gar zu fromm daraus!

30. August 2014

Die Berliner Zeit Carl Philipps wurde durch die Freundschaften zu verschiedenen bedeutenden Dichtern ungemein aufgewertet. Doch nicht nur hatte man sich intellektuell ausgetauscht und amüsiert, sondern es entstanden aus der Symbiose heraus auch zahlreiche Lieder, die den Bachsohn heute als eine wichtige Schlüsselfigur in der Entwicklung des Kunstliedes erscheinen lassen.

Bach erwies sich als äußerst feinsinnig in der Vertonung der Texte. Ganz im Sinne der Empfindsamkeit erspürte er den Gestus der Worte und übertrug diesen in musikalische Form. Obwohl es bis zur Kunstform des Liedes wie bei Schubert noch viele Jahrzehnte dauerte, zeigen sich in diesen Stücken bereits die Qualitäten, welche in der Romantik wieder aufgegriffen werden. Enge Bezüge zwischen Wort und Ton, ganz im Sinne der Arien des Vaters, vereinen sich mit Affekt geladener Begleitung, die nicht mehr als Grundgerüst für die Singstimme dient, sondern kommentiert, mitempfindet oder hinterfragt.

Christian Fürchtegott Gellert, Gemälde von Gottfried Hempel, 1752. (Quelle: Gleimhaus Halberstadt)Die Geistlichen Oden und Lieder, basierend auf Texten von Christian Fürchtegott Gellert, erhielten alsbald in Dichterkreisen viel Aufmerksamkeit. Gotthold Ephraim Lessing selbst sandte sie an Johann Wilhelm Ludwig Gleim weiter und kommentierte in dem beiligenden Brief:

„Hierbey erfolgen die verlangten zwey Exemplare von Bachs Gellertschen Oden. Werden Sie mir ja nicht gar zu fromm daraus! Ich hoffe zwar, daß Sie sie bloß der Musik wegen kommen laßen. Und in so fern wünsche ich fröhlichen Gebrauch.“1

Bach selbst hatte auch dem Urheber der Gedichte ein Exemplar übermacht, welcher schon vorab von dem für Kenner vortrefflichen Notensatz gehört hatte. In einem Brief an seine Schwester schrieb Gellert:

Bach, ein Cammermusicus in Berlin, hat alle meine Lieder componirt und mir unlängst ein Exemplar überschickt; der Herr Cammerherr von Zedtwitz und der Herr Cammerherr von Schönberg spielen zuweilen etliche, und die gnädige Frau singt sie. Sie sind schön, aber zu schön für einen Sänger, der nicht musikalisch ist.“2

Sein kunstfertiger Umgang mit den Texten bewirkte schließlich, dass die Dichter von selbst auf ihn zukamen und eine Zusammenarbeit erhofften. So bemühte sich Heinrich Wilhelm von Gerstenberg aus Kopenhagen, die Aufmerksamkeit des Komponisten auf sich zu ziehen und ging dabei ungewöhnliche Schritte. Er nahm sich verschiedene rein instrumentale Stücke vor und unterlegte diese mit seinen Texten.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, Kupferstich von F. M. Schreyer. (Quelle: http://www.zeno.org/Literatur/I/gerstpor)Ich nehme erstlich an, daß die Musik ohne Worte nur allgemeine Ideen vorträgt, die aber durch hinzugefügte Worte ihre völlige Bestimmung erhalten; zweytens geht der Versuch nur bey solchen Instrumentensolos an, wo der Ausdruck sehr deutlich und sprechend ist. Nach diesen Grundsätzen habe ich unter einige Bachische Clavierstücke, die also gar nicht für die Singstimme gemacht waren, eine Art von Text gelegt, und Klopstock und Jedermann sagt mir, daß dies die ausdrucksvollsten Singsachen wären, die man hören könnte. Unter die Phantasie z. E. In der sechsten Sonate, die er zur Applikation seines Versuchs etc. componirt hat, legte ich Hamlets Monolog, wie er über Leben und Tod phantasirt, alles in kurzen Sätzen, das Largo ausgenommen, das eine Art von Mittelzustand seiner erschütterten Seele ausmacht.“3

Und tatsächlich lernten sich nur wenige Zeit später beide Künstler kennen. Das fruchtvolle Wirken brachte manche Glanzstücke von Philipp Emanuel zu Tage, etwa in der Passions-Cantate Die letzten Leiden des Erlösers.

CLF


1. Gotthold Ephraim Lessing an Johann Wilhelm Ludwig Gleim in Halberstadt – Berlin, den 8. Juli 1758, in: Suchalla (Hrsg.), C. P. E. Bach, Briefe und Dokumente, S. 57-58.

2. Chrstian Fürchtegott Gellert an seine Schwester – Bonau, den 25. März 1758, in: Suchalla (Hrsg.), C. P. E. Bach, Briefe und Dokumente, S. 56.

3. Heinrich Wilhelm von Gerstenberg an Christoph Friedrich Nicolai - 5. Dezember 1767, zitiert nach: E. F. Schmid, Carl Philipp Emanuel Bach und seine Kammermusik, Kassel 1931.