Wettschwimmen und Trinklieder

14. Juni 2014

Das Leben in Berlin nahm für Carl Philipp routinierte Formen an. Doch zwischen Arbeit und eigenem Musikschaffen klaffte eine Lücke, denn am Hof räumte man ihm neben Hasse, Graun und dem Sonderfall Quantz keine gebührende Stellung ein. Offenbar war man von der Empfindsamkeit und dem unbegrenzten Einfallsreichtum, der sich in Sturm und Drang durch seine Stücke zog, überfordert.

Doch der Hof Berlin mit seiner Ausrichtung auf Frankreich und Italien galt nicht für die Stadt – in dieser hatte sich auch ein bürgerliches Musikleben herausgebildet, an dem Bach regen Anteil nahm. Meist fanden in den höheren Häusern der Stadt private Musikzirkel statt; aber auch in Musikervereinigungen, die sich mitunter ganz preußisch strengen Richtlinien unterwarfen, wurden regelmäßige Konzertreihen organisiert. Zugang zu diesen Kreisen erhielt Bach vorwiegend durch seine Kollegen aus der Hofkapelle.

Scherzlied vom Herrn M. Leßing und componirt vom Herrn C. P. E. Bach. (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung: Mus. B 190)Denn nicht wenige bedeutende Akteure rekrutierten sich aus eben jener, was den Einstieg einfach machte. Musikalisch sorgte es jedoch auch dafür, dass die Tendenz der Musikkritik mit Bachs Stil ebenfalls nicht viel anzufangen wusste. Denn die Diskussionen der Theorie und Kritik speisten sich am Ende aus den gleichen Mündern, wie jene am Hof. Lieber pflegte man seinen eigenen Status, als sich mit den Neuerungen seiner Zeit auseinander zu setzen. Nicht umsonst kam die sogenannte Berliner Schule gerade in Süddeutschland später zu dem zweifelhaften Ruf einer gewissen Rückständigkeit.

So bot sich auch hier nicht die geeignete Platform für den Freigeist, seine Klangvisionen unters Volk zu bringen. Intellektuelle Stimulation fand er jedoch im Kontakt mit einigen Dichtern, dessen Werke er in zahlreichen Liedern vertonte. Mit Gottfried Ephraim Lessing und Johann Wilhelm Ludwig Gleim verbanden ihn sogar enge Freundschaften, die auch zu mancher scherzhaften Zusammenarbeit führte, vor allem was Trinklieder anging. Man schätzt seine Gesellschaft, wie gerade aus Äußerungen der Dichterin Anna Luise Karsch deutlich wird.

„Ich erinnere mich iezt mit Lebhaftigkeit an den Garten des Thonkünstlers in Berlin. Sie sahen mich zum Erstenmal in Gesellschafft schreiben, wie ausgebreitet war das Vergnügen auf Ihrer Stirn...“1

Dass dieser Umgang ihn nur intellektuell, sondern auch musikalisch zu stimulieren vermochte, konnte Bach die Zeit versüßen. Außerhalb des geistigen Diskurs wusste man aber ebenso den weltlichen Genüssen einiges abzugewinnen. In einem Brief von Gleim erfahren wir, dass die Marmorbüsten, die uns heute so würdevoll entgegen treten, uns nur die halbe Wahrheit verraten. Gerade der Musik von Carl Philipp kommen wir wohl näher, wenn wir uns die Bilder vorstellen, die folgende Zeilen mitteilen.

„Ramler, Leßing, Sulzer, Agricola, Krause (Der Musicus, nicht der dumme Zeitungsschreiber für den behüte der Himmel!) Bach, Graun, Kurz alles, was zu den Musen und freyen Künsten gehört gesellte sich täglich zu einander, bald zu Lande, bald zu Waßer; was für ein Vergnügen war es in solcher Gesellschaft auf der Spree mit den Schwänen um die Wette zu schwimmen! Was für eine Lust, in dem ThierGarten sich mit der gantzen Gesellschaft unter tausend Mädchen zu verirren?“2

CLF


1. Anna Luise Karsch, Brief vom 24. Februar 1763 an J. W. L. Gleim; zit. nach Ernst Suchalla: Carl Philipp Emanuel Bach. Briefe und Dokumente, Bd. 1, Göttingen 1994, S. 70.

2. J. W. L. Gleim, Brief vom 16. August 1758 an J. P. Uz; zit. nach Ernst Suchalla: Carl Philipp Emanuel Bach. Briefe und Dokumente, Bd. 1, Göttingen 1994, S. 58.