Würste, Käß und Bach: Joseph Haydn als Bach-Fan

07. Juni 2014

Neben Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven war auch Joseph Haydn ein bekennender C.P.E. Bach-Fan. Haydn kannte und studierte zunächst die Anfang der 1740er Jahre erschienenen Sonatendrucke. Auch später bestanden diverse Kontakte. Persönlich kennengelernt haben sich beide Musiker jedoch nicht.

Dem Komponisten, Organisten und Musikschriftsteller Carl Ferdinand Pohl, 1819 im gleichen Jahr wie Clara Schumann geboren, verdanken wir die erste umfassende Haydn-Biographie, in der er sich auch über das Verhältnis der beiden Komponisten, Bach und Haydn, zueinander äußert:

Was ihn zunächst am meisten angezogen haben mochte, war der in Bach´s Compositionen bei aller Festigkeit der Führung vorwaltende humoristische Zug und unbefangene heitere Gefühlsausdruck. Diesen Vorlagen strebte nun Haydn nach, suchte sich ihre Vorzüge eigen zu machen und sich daran selbstständig zu bilden.

Joseph Haydn, Kupferstich von Johann Ernst Mansfeld, 1781 (Quelle: Stiftung Händel-Haus, Halle)Welcher Art die Clavier-Compositionen waren, deren sich Haydn bis dahin beim Studium bedient hatte, läßt sich nicht nachweisen. Die Wahl konnte ihm freilich nicht schwer fallen, denn die Zahl der veröffentlichten Clavierwerke war äußerst gering; zu wählen hatte er überhaupt nicht, er mußte vielmehr zugreifen, wo ihm menschenfreundliche Vermittlung etwas zuführte. Während er aber bei allem Eifer gezwungen war, sich in Benutzung der Lehrmittel machtlos dem Zufall zu überlassen, spielte ihm das Glück unerwartet ein Werk in die Hände, das seinem Streben plötzlich eine bestimmte Richtung hab und für seine ganze Kunstrichtung entscheidend wurde.

In einer glücklichen Stunde, in der ihm seine Kasse eine kleine Extraauslage erlaubte, suchte er einen jener Buchhändler heim, deren Schätze ihm bis dahin so oft nur in den Auslagfenstern zu bewundern vergönnt war. Wir wollen uns der Annahme nicht verwehren, daß er sich dabei seines ehemaligen Nachbars Hinz erinnerte und seine Schritte nach dessen Gewölb am Stephansfriedhof lenkte. Auf seine Bitte, ihm das im Augenblick bestbekannte Clavierwerk vorzulegen, holte der Buchhändler ein Heft Sonaten von C. Ph. Emanuel Bach hervor und pries sie so eindringlich, daß Haydn ohne weiteres zahlte, das Heft zusammenpackte und seiner Dachkammer zueilte. „Da kam ich nicht mehr von meinem Clavier hinweg, bis die Sonaten durchgespielt waren“, äußert der greise Haydn, noch in der Erinnerung bewegt, mit jugendlicher Lebhaftigkeit gegen Briefinger. Das war der Mann, den er unbewußt suchte und dem er nun mit Feuereifer nachstrebte. „Und wer mich gründlich kennt (fährt Hayden fort), der muß finden, daß ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, daß ich ihn verstanden und fleißig studirt habe; er ließ mir auch selbst einmal ein Kompliment darüber machen.“

Sobald nämlich Haydn´s Werke durch den Druck bekannt wurden, bemerkte Bach mit Vergnügen, daß er Haydn zu seinen Schülern zu zählen habe; und so ließ er ihm gelegentlich auch sagen: „er sei der Einzige, der seinen Schriften ganz verstanden habe und Gebrauch davon zu machen wisse.“ Haydn suchte und fand auch in trüben Stunden Stärkung und Erfrischung in Bach´s Werken. „Ich spielte mir dieselben zu meinem Vergnügen unzähligemal vor, besonders auch wenn ich mich von Sorgen gedrückt oder muthlos fühlte und immer bin ich da erheitert und in guter Stimmung vom Instrumente weggegangen.1

Schon bald darauf wurde er auf ein weiteres Werk Bachs aufmerksam. „Der Versuch, die wahre Art das Clavier zu spielen“ (Teil 1 erschien 1753) faszinierte Haydn so sehr, dass er ihn als „das beste, gründlichste und nützlichste Werk, welches als Lehrbuch je erschien“ betitelte.

In einem Brief an den Wiener Verleger Artaria schrieb der Komponist des Oratoriums Die Schöpfung im Februar 1788 aus Eszterháza:

Sie werden mir nicht ungütig nehmen, daß ich letzthin aus Mangl der Zeit nicht selbst wegen dem oratorio an Sie geschrieben habe. Sollte dieses Oratorium , wie ich hoffe, schon copirt seyn, so bitte es unserm Portier zu übergeben. - - Anbey bin ich Ihnen sehr verbunden für den überschückten kostbahren Käß, und für die Würste, Sie machen mich hierdurch zum Schuldner, werde aber nicht ermangeln, es bey Gelegenheit zu ersetzen. Nebstdem bitte ich auch mir die letzte 2 Werke für das Clavier von C. P. Emanuel Bach zu übersenden. Der ich unterdessen mit aller Hochachtung bin Euer Hochedelgebohren etc.

Eszterháza, den 16. Febr. 1788.2

AS


1. Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Bd. 1, Berlin 1875, S. 131; nach Aufzeichnungen von Georg August Griesinger

2. zit. nach Ernst Suchalla: Carl Philipp Emanuel Bach. Briefe und Dokumente, Bd. 2, Göttingen 1994, S.1255