Zwischen höfischer Gebundenheit und künstlerischer Freiheit

26. Juli 2014

Bachs Kammermusikwerke aus seiner Zeit am Preußischen Hof haben nicht das Ansehen bekommen, das seine Klavierwerke erreichten. Seine kompositorische Freiheit in Bezug auf Kammermusik für aristokratische wie bürgerliche Liebhaber war eingeschränkt. Friedrich der Große war nicht offen für Werke im empfindsamen Stil; doch genau diese Musik lag Emanuel am Herzen. Neben den eher konservativ anmutenden galanten Werken, die täglich aus der Notenfeder eines Quantz, Benda, Johann Gottlieb Graun, Bach u.a. am Hof erklangen, fand Bach auch Zeit für die Komposition kleinbesetzter Stücke, die seinem persönlichen Geschmack entsprachen.

Die Gesamtheit seiner Kammerstücke ähnelt seinen Sammlungen „für Kenner und Liebhaber“, indem sie in zwei Gruppen eingeteilt werden kann. Die leichten, im „gusto“ höfischer Musik geschriebenen Werke für die Kammerkonzerte des Königs und der Hofgesellschaft entsprechen der Musik für Liebhaber, während die anspruchsvolleren, längeren Stücke sich an den Kenner wenden. Bach äußert sich in seiner Selbstbiografie über die zwei unterschiedlichen Schaffensstimuli, die seine Kompositionen beeinflusst haben; einerseits die Wünsche seines Arbeitgebers und des Publikums zu befriedigen und andererseits seine eigenen Vorstellungen kompositorisch umzusetzen.

Weil ich meine meisten Arbeiten für gewisse Personen und fürs Publikum habe machen müssen, so bin ich dadurch allezeit mehr gebunden gewesen, als bey den wenigen Stücken, welche ich bloß für mich verfertigt habe. […] Unter allen meinen Arbeiten, besonders fürs Clavier, sind blos einige Trios, Solos und Concerte, welche ich mit aller Freyheit und zu meinem eignen Gebrauch gemacht habe.1

Kammermusik im Gartensalon, Daniel Nikolaus Chodowiecki, Kupferstich 1769. (Quelle: Johann Bernhard Basedow, Das Elementarbuch für die Jugend und für ihre Lehrer und Freunde in gesitteten Ständen, Altona und Bremen 1770; nach einem Exemplar der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden)

Im Nachlassverzeichnis von 1790 ist Bachs Kammermusik in die folgenden Gruppen unterteilt: Trii, Soli für andere Instrumente als das Clavier und Quartetten. Werke, die nicht in eine der drei genannten Gruppen passen, sind unter Kleinere Stücke und Einige vermischte Stücke aufgelistet. Wenn man Bachs gesamtes kammermusikalisches Schaffen in Betracht zieht, ist nach einer Beobachtung des Musikforschers Ernst Fritz Schmid ein deutlicher Bruch ab seiner Hamburger Zeit zu bemerken. Bach fühlte sich frei genug, Musik nach seiner eigenen Art zu schreiben.

Man kann sagen, daß Bachs eigenartiger Klavierstil erst in seiner Hamburger Zeit für seine Kammermusikwerke maßgebenden Einfluß gewann. Vorher hatten gerade die Kammermusikwerke im Gesamtbilde seines Schaffens eine ungleich konservativere Rolle gespielt als seine Klaviermusik. Die Ursache hierfür ist in dem geistigen Zwang zu suchen, unter dem Bach in Berlin gelebt hatte. War doch gerade seine Kammermusik zumeist als Gebrauchsmusik für den konservativen friderizianischen Kreis bestimmt gewesen […] Immerhin mußte der Meister, wollte er es nicht ganz verderben, gut Miene zum bösen Spiel machen, und seine für diesen Kreis bestimmten Ensemble-Werke tragen daher ein weit konservativeres Gepräge als seine Klaviermusik, die er zumeist für seinen eigenen Gebrauch schrieb. Um so mehr genoß er die Freiheit des Schaffens in Hamburg, und nur so erklärt sich die plötzliche grundlegende Änderung seines kammermusikalischen Stiles beim Verlassen des Berliner Hofes.2

HB


1 Carl Philipp Emanuel Bach, „Selbstbiografie“ in Carl Burney's / der Musik Doctors / Tagebuch / seiner / Musikalischen Reisen. / Dritter Band. / Durch / Böhmen, Sachsen, Brandenburg, / Hamburg und Holland., Hamburg 1773, S. 208-209.

2 Ernst Fritz Schmid, Carl Philipp Emanuel Bach und seine Kammermusik, Kassel 1931, S. 144-145.