Best of: „Die wahre Art …“

Carl Philipp Emanuel Bach, Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen. Band 1, Berlin 1753.

Bachs „Versuch über die wahre Art“ war ein noch Jahrzehnte nach seinem Tod vielgelesenes Werk, das in zahlreichen Auflagen und Ergänzungen erschien. Zusammen mit seinen zahlreichen Kompositionen für Tasteninstrumente – namentlich für das Cembalo, später auch für das Fortepiano – wurde sein Schöpfer in ganz Europa berühmt.

Der „Versuch“ ist weit mehr als eine bloße Klavierschule, wie wir sie heute kennen. Bach schreibt eine allgemeine Musizierschule,also ein Leitfaden zum richtigen Musizieren in einer Zeit des ästhetischen Umbruchs in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Hier nun einige Kernsätze aus dem ersten Band von 1753 als Kostprobe:

Vorrede · Einleitung · Von der Finger-Setzung · Von den Manieren [= Verzierungen] · Vom Vortrage

 

Vorrede

Ich bin hier Willens, die wahre Art zu zeigen, Handsachen mit Beyfall vernünftiger Kenner zu spielen. Wer aber hierinnen das Seinige gethan hat, der hat schon sehr vieles auf dem Claviere gethan, und wird derselbe den übrigen Aufgaben desselben desto bequemer fortzukommen, die Fähigkeit haben. […] Und aus der musikalischen Geschichte bemercket man, daß diejenigen, denen es gelungen, sich einen grossen Namen in der musikalischen Welt zu machen, dieses Instrument mehrentheils vorzüglich ausgeübet haben.

Bey allem diesen habe ich hauptsächlich meine Absicht zugleich auf diejenigen Lehrer gerichtet, welche ihre Schüler bishero nicht nach den wahren Grundsätzen der Kunst angeführet haben, Liebhaber, die durch falsche Vorschriften verhudelt worden, können sich von selbsten nach meinen Lehrsätzen zurechte helffen, wenn sie schon viel Musick sonsten gespielt haben; Anfänger aber werden, vermittelst derselben, mit besonderer Leichtigkeit in kurtzer Zeit dahin kommen, wo sie kaum geglaubt hätten.

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Einleitung

Zur wahren Art das Clavier zu spielen, gehören hauptsächlich drey Stücke, welche so genau mit einander verbunden sind, daß eines ohne das andere weder seyn kann, noch darf; nehmlich die rechte Finger-Setzung, die guten Manieren [= Verzierungen], und der gute Vortrag. (I, 1)

Jeder Clavierist soll von Rechtswegen einen guten Flügel [= Cembalo] und auch ein gutes Clavicord haben, damit er auf beyden allerley Sachen abwechselnd spielen könne. Wer mit einer guten Art auf dem Clavicorde spielen kann, wird solches auch auf dem Flügel zuwege bringen können, aber nicht umgekehrt. Man muß also das Clavichord zur Erlernung des guten Vortrags und den Flügel, um die gehörige Kraft der Finger zu kriegen, brauchen. Spielt man beständig auf dem Clavicorde, so wird man viel Schwierigkeiten antreffen, auf dem Flügel fortzukommen. […] Man gewöhnt sich bey beständigem Spielen auf dem Clavicorde an, die Tasten gar zu sehr zu schmeichlen […] Man kann so gar mit der Zeit, wenn man bloß auf dem Clavicorde spielt, die Stärcke aus den Fingern verliehren, die man vorhero hatte. (I, 11)

Einen grossen Nutzen und Erleichterung in die gantze Spiel-Art wird derjenige spüren, welcher zu gleicher Zeit Gelegenheit hat, die Singe-Kunst zu lernen, und gute Sänger fleißig zu hören. (I, 13)

Damit man die Tasten auswendig finden lerne und das nöthige Noten-Lesen nicht beschwerlich falle, wird man wohl thun, wenn man das Gelernte fleißig auswendig im Finstern spielet. (I, 13)

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Von der Finger-Setzung

Aus dem Grunde, daß jeder neue Gedancke bey nahe seine eigene Finger-Setzung habe, folgt, daß die jetzige Art zu dencken, indem sie sich von der in vorigen Zeiten gar besonders unterscheidet, eine neue Applicatur eingeführt habe. (I, 16)

Da man hieraus erkennen kann, daß der rechte Gebrauch der Finger einen unzertrennlichen Zusammenhang mit der gantzen Spielart hat, so verlieret man bey einer unrichtigen Finger-Setzung mehr als man durch alle mögliche Kunst und guten Geschmack ersetzen kann. Die gantze Fertigkeit hängt hiervon ab, und man kann aus der Erfahrung beweisen, daß ein mittelmäßiger Kopf mit gut gewöhnten Fingern allezeit den größten Musicum im Spielen übertreffen wird, wenn dieser letztere wegen seiner falschen Applicatur [= Fingersatz] gezwungen ist, wieder sein Ueberzeugung sich hören zu lassen. (I, 16)

Ueberhaupt sehen wir hieraus, daß man bey jetzigen Zeiten gantz und gar nicht ohne die rechten Finger geschicklich fortkommen kann, da es noch eher vordem angieng. Mein seeliger Vater hat mir erzählt, in seiner Jugend grosse Männer gehört zu haben, welche den Daumen nicht eher gebraucht, als wenn es bey grossen Spannungen nöthig war. Da er nun einen Zeitpunckt erlebet hatte, in welchem nach und nach eine gantz besondere Veränderung mit dem musicalischen Geschmack vorging: so wurde er dadurch genöthiget, einen weit vollkommneren Gebrauch der Finger sich auszudencken, besonders den Daumen, welcher ausser andern guten Diensten hauptsächlich in den schweren Tonarten gantz unentbehrlich ist, so zu gebrauchen, wie ihn die Natur gleichsam gebraucht wissen will. Hierdurch ist er auf einmahl von seiner bißherigen Unthätigkeit zu der Stelle des Haupt-Fingers erhoben worden. (I, 17)

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Von den Manieren [= Verzierungen]

Es hat wohl niemand an der Nothwendigkeit der Manieren gezweifelt. Man kann es daher mercken, weil man sie überall in reichlicher Menge antrifft. Indessen sind sie allerdings unentbehrlich, wenn man ihren Nutzen betrachtet. Sie hängen die Noten zusammen; sie beleben sie; sie geben ihnen, wenn es nöthig ist, einen besondern Nachdruck und Gewicht; sie manchen sie gefällig und erwecken folglich eine besondere Aufmercksamkeit, sie helffen ihren Inhalt erklären; es mag dieser traurig oder frölich oder sonst beschaffen seyn wie er will; so tragen sie allezeit das ihrige dazu bey; sie gehen einen ansehnlichen Theil der Gelegenheit und Materie zum wahren Vortrage; einer mäßigen Composition kann durch sie aufgeholfen werden; da hingegen der beste Gesang ohne sie leer und einfältig,und der kläreste Inhalt davon allezeit undeutlich erscheinen muß. (I, 51)

Indessen muß man dennoch vor allen Dingen sich hüten, daß man auch mit unserer Art von Manieren nicht zu verschwenderisch umgehe. Man betrachte die als Zierathen, womit man das beste Gebäude überhäufen und als das Gewürze, womit man die besten Speisen verderben kann. Viele Noten, indem sie von keiner Erheblichkeit sind, müssen von ihnen verschont bleiben; viele Noten, welche an sich schimmernd genug sind, leiden sie ebenfals nicht, weil sie nur die Wichtigkeit und Einfalt solcher Noten erheben und von andern unterscheiden sollen. Widrigenfals würde ich denselben Fehler begehen, in den ein Redner fällt, welcher auf jedes Wort einen nachdrücklichen Accent legen wollte; alles würde einerley und folglich undeutlich werden. (I, 54)

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Vom Vortrage

Es ist unstreitig ein Vorurteil, als wenn die Stärcke eines Clavieristen in der blossen Geschwindigkeit bestände. Man kann die fertigsten Finger, einfache und doppelte Triller haben, die Applicatur verstehen, vom Blatte treffen, es mögen so viele Schlüssel im Lauffe des Stückes vorkommen als sie wollen, alles ohne viel Mühe aus dem Stegereif transponiren, Decimen, ja Duodecimen greiffen, Läuffer und Kreutzsprünge von allerley Arten machen können, und was dergleichen mehr ist; und man kann bey dem allen noch nicht ein deutlicher, ein gefälliger, ein rührender Clavieriste seyn. (I, 115)

Die Erfahrung lehret es mehr als zu oft, wie die Treffer und geschwinden Spieler von Profession nichts weniger als diese Eigenschaften besitzen, wie sie zwar durch die Finger das Gesicht in Verwunderung setzten, der empfindlichen Seele eines Zuhörers aber gar nichts zu thun geben. Sie überraschen das Ohr, ohne es zu vergnügen, und betäuben den Verstand, ohne ihm genung zu thun. (I, 115)

Worinn aber besteht der gute Votrag? In nichts anderm als der Fertigkeit, musikalische Gedancken nach ihrem wahren Inhalte und Affect singend oder spielend dem Gehöre empfindlich zu machen. Man kann durch die Verschiedenheit desselben einerley Gedancken dem Ohre so veränderlich machen, daß man kaum mehr empfindet, daß es einerley Gedancken gewesen sind. (I, 117)

Die Gegenstände des Votrages sind die Stärcke und Schwäche der Töne, ihr Druck, Schnellen, Ziehen, Stossen, Beben, Brechen, Halten, Schleppen und Fortgehen. Wer diese Dinge entweder gar nicht oder zur unrechten Zeit gebrauchet, der hat einen schlechten Vortrag. (I, 117)

Einige Personen spielen klebericht, als wenn sie Leim zwischen den Fingern hätten. Ihr Anschlag ist zu lang, indem sie die Noten über die Zeit liegen lassen. Andere haben es verbessern wollen, und spielen zu kurtz; als wenn die Tasten glühend wären. Es thut aber auch schlecht. Die Mittelstrasse ist die beste; ich rede hievon überhaupt; alle Arten des Anschlages sind zur rechten Zeit gut. (I, S. 118)

Alle Schwierigkeiten in Passaggien sind durch eine starcke Uebung zu erlernen, und erfordern in der That nicht so viele Mühe als der gute Vortrag einfacher Noten. Diese machen manchem zu schaffen, welcher das Clavier für simpler hält als es ist. So faustfertig man unterdessen se: so traue man sich nicht mehr zu als man bezwingen kann, wenn man öffentlich spielt, indem man alsdenn selten in der gehörigen Gelassenheit, auch nicht allezeit gleich aufgeräumt ist. (I, S. 120f.)

Sollte gegenwärtiges Weck bey vernünftigen Kennern einigen Beyfall finden: so würde ich dadurch angereitzet werden, dasselbe mit der Zeit, vermittelst einiger Beyträge, fortzusetzen. (aus der „Vorrede“. Dies geschah dann in einem zweiten Teil im Jahre 1762, der sich besonders mit dem Spiel nach Generalbassziffern – einer Art Harmonielehre der Empfindsamkeit – und dem Gestalten von „Freien Fantasien“ beschäftigt. Es folgten dazu weitere Ergänzungen in Neuauflagen.)

Zusammengestellt von Christine Blanken

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