C. P. E. Bach – ein Komponist für junge Ohren?

Carl Philipp Emanuel Bach – ein Komponist für euch?

Das Leben Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 – 1788) fällt in eine Zeit, die als die Epoche der Aufklärung bezeichnet wird. Auf die Frage, was Aufklärung eigentlich ist, hat der Philosoph Immanuel Kant, ein Zeitgenosse Bachs, einmal sinngemäß geantwortet, dass mit Aufklärung die Befreiung der Menschen aus geistiger Unselbstständigkeit gemeint ist. Aufklärung bedeutet, selbstständig ohne Anleitung durch andere seinen Verstand zu gebrauchen.

Doch selbstständig zu denken, das muss man auch erst mal lernen, und solange man noch ein Kind ist, braucht man dazu halt doch jemanden, der einen dabei anleitet, einen Lehrer. Und irgendwann kann man es dann von alleine.

Auch die Aufklärer wussten, dass die Menschen zuerst zum selbstständigen Denken erzogen werden müssen, und deswegen begannen sie sich besonders für die Erziehung und die Kindheit zu interessieren. Ja, die Kindheit wurde als ein eigenständiger Lebensabschnitt der Menschen eigentlich erst entdeckt! Noch zur Zeit von Carl Philipp Emanuel Bachs Kindheit wurden Kinder wie kleine Erwachsene angesehen und auch so behandelt. Das begann sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu ändern. Ein anderer großer Aufklärungsphilosoph, Jean-Jacques Rousseau, schrieb 1762 einen ganzen Roman über Kindheit und Erziehung: Emile. Rousseau meinte, der Mensch sei von Natur aus gut, und die Erziehung müsse vor allem diese natürliche Anlage bewahren und fördern. Das begeisterte die deutschen Aufklärer so sehr, dass sie begannen, Schulen zu gründen („Philanthropinum“), die sich an Rousseau orientierten.

Tharpa steht vor einem WegweiserDas alles passierte in der Zeit, als Carl Philipp Emanuel Bach seine wichtigsten Kompositionen schrieb. Aber er war auch selbst mit einigen bekannten Persönlichkeiten der Aufklärung befreundet wie z. B. mit dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing. Ist er also ein Komponist der Aufklärung? Auf jeden Fall gehört er zu den Komponisten seiner Zeit, die die Musik verändert haben. Vor ihm gab es die Epoche der Barockmusik, und die Epoche der Klassik, die nach ihm folgte, hat er entscheidend beeinflusst. Während die Aufklärer die Welt der Kindheit entdeckten, entdeckte Carl Philipp Emanuel Bach die Welt der Gefühle in der Musik. Und weil ihm der Ausdruck der Gefühle das Wichtigste in der Musik war, kann seine Musik manchmal sehr eigenwillig und widerborstig sein – so wie es Kinder ja manchmal auch sind. Ist er also auch ein Komponist, der Kinder und Jugendliche besonders anspricht? Wir wollten es genauer wissen und haben uns unter euch umgehört. Tharpa und Max, die beide auch selbst Musik machen, standen uns Rede und Antwort.

Frage: Welche Stücke von C. P. E. Bach habt ihr schon mal gehört?

Max: Im Musikunterricht in der Oberstufe habe ich einige Stücke von ihm gehört, unter anderem ein Cello-Konzert und die Triosonate in B-Dur.

Welches Stück hat dir davon am besten gefallen?

Max: Das Cello-Konzert.

Was fandest du daran besonders gut?

Max: Ich fand, dass die Schönheit einer Cello-Melodie gut hervorgebracht wird, man genießt jeden einzelnen Ton.

Glaubt ihr, dass C. P. E. Bach einen eigenen Stil hat, den man leicht wiedererkennen kann?

Max: Ich denke, schon, aber das ist nicht so leicht zu beschreiben. Er ist sehr eigenwillig. Manchmal gibt es ganz überraschende Wendungen in seiner Musik.

Tharpa: Er hat schon einen eigenen Stil, da er Klassik und Barock verbindet und man dies auch gut hören kann.

Würdet ihr euch zutrauen, bei einem Stück, das ihr nicht kennt, zu sagen, ob es von C. P. E. Bach sein könnte?

Tharpa: Wenn man ganz genau hinhört, denkt man erst, ja, das erinnert an Barock, das könnte von Telemann sein. Aber wenn das dann noch „moderner“ im musikalischen Verlauf ist als Telemann, dann kann man schon auf CPE Bach tippen.

Max, 18 JahreMax: Es kommt auch auf die Komposition an. Einige Klavierstücke sind schon sehr eigen. Dann denkt man, das kann nicht von Mozart sein, aber auch nicht von Scarlatti.

Was für Musik hört ihr am liebsten?

Max: Eigentlich höre ich kaum Klassik. Meistens eine Mischung aus Hip Hop, Funk, Soul, Blues und Jazz.

Tharpa: Bei mir ist es auch ganz unterschiedlich! Ich mag Opern („Entführung aus dem Serail" und „La Traviata" sind die Favoriten), Popmusik, Folklore (Balkan, Blasmusik, südamerikanische Musik).

Hört ihr der Musik gerne genau zu oder hört ihr sie lieber so nebenher?

Tharpa: Es gibt Musik, der ich gerne sehr genau zuhöre. Gerne "puzzle" ich nebenbei auch herum.

Max: Ich höre auch sehr gerne genau zu.

Hat irgendeine Musik der Gegenwart, die ihr kennt und mögt, Ähnlichkeiten mit der Musik von C. P. E. Bach?

Tharpa: Schwer zu sagen, die Musik ist heute vielfältiger als zu Bachs Zeiten. Und es gibt heute viel mehr Komponisten, die experimentieren. Ich habe mal ein Stück von Ligeti gehört, „Aventures“, wo die Musik nur aus lauter Stimmen besteht, von denen man aber kein Wort versteht. Es besteht nur aus Sprachrhythmik. Das erinnert etwas an Stücke von Bach, wo eine Art musikalischer Diskussion zwischen Instrumenten stattfindet. Also auch Sprache ohne Worte.

Welche klassische Musik oder Komponisten kennt ihr noch?

Max: Natürlich die ganz großen wie Mozart, Beethoven und Bach. Aber auch andere Namen sind mir durchaus bekannt wie z. B. Tschaikowsky oder Robert Schuhmann.

Tharpa: Ich kenne ziemlich viele: Joseph Haydn, Michael Haydn, Verdi, Leopold Mozart, W. A. Mozart, Puccini, Beethoven, Czerny, Schumann, Schubert, Chopin, Debussy, Brahms, Dvorak, Bartok, Bernstein, Domenico Scarlatti, Händel, Telemann, Rossini, Britten, Schönberg, Stockhausen, Bizet, Grieg...

Findet ihr, dass klassische Musik zu wenig bekannt ist?

Tharpa: Ja! Mozarts „kleine Nachtmusik“ kennt wohl jeder. Aber wenn man von La Traviata spricht, gucken einen viele Leute verständnislos an, obwohl das eine herausragende Oper ist! Und wer hat schon von Bachs B-Dur Partita oder Chopins Revolutions-Etüde gehört?

Max: Ich glaube, das hängt mit dem Wandel der Zeit zusammen. Musik verändert sich ständig, es entstehen immer neue Stile. Durch das Zeitalter der elektronischen Musik wurde eine riesige Tür aufgestoßen, die für viele momentan attraktiver als die Tür der klassischen Musik zu sein scheint. Dennoch hören durchaus einige Menschen klassische Musik heutzutage, ich finde, dass es eigentlich ganz gut so ist.

Findest du, dass C. P. E. Bachs Musik ganz anders klingt als die anderer klassischer Komponisten?

Tharpa: Wenn man genau zuhört, auf jeden Fall. Sie vermischt Aspekte von Johann Sebastian Bachs Musik mit der späterer Komponisten.

C. P. E. Bach war unter anderem berühmt für seine freien Improvisationen (er nannte das „freies Fantasieren“) auf dem Clavichord. Nicht wenige seiner Kompositionen sind so entstanden. Glaubst du, es sollten im heutigen klassischen Konzertbetrieb Improvisationen zugelassen werden? Wäre das von Vorteil für die Musik?

Max: Ja, ich bin ein großer Fan von Improvisation. Es ist das Spontane, was die Musik ausmacht. Ein richtiger Künstler sollte auch seinem Publikum zeigen können, dass er improvisieren kann.

Wie habt ihr die klassische Musik kennengelernt? Elternhaus, Schule, Freunde, Neugier, Internet...?

Max: Natürlich zuerst durch meine Eltern, aber vor allem durch den Musik-Leistungskurs in meiner Schule.

Tharpa: Entscheidend waren sicherlich meine Mutter und meine Großmama, die beide sehr viel klassische Musik hören. Außerdem höre ich selbst viel NDR Kultur, wenn ich bei meiner Großmama bin. Meine Mutter spielt Klavier und auch meistens Klassik.

Die Musik von C. P. E. Bach war kurze Zeit nach seinem Tod völlig vergessen, die von seinem Vater Johann Sebastian Bach aber wurde wiederentdeckt. Habt ihr eine Idee, was der Grund war?

Tharpa: CPE Bach war zu seiner Zeit viel bekannter, und die Leute haben seine Musik schon viel gehört. Bei J. S. Bach war das Entdecker-Interesse größer. Er hat in seiner Zeit eine viel komplexere Musik als seine Zeitgenossen komponiert und wurde deswegen für spannend und abwechslungsreich erachtet und wiederentdeckt. Nach CPE Bach kam eine Reihe von Ausnahmekomponisten wie z. B. Haydn, Mozart und schließlich Beethoven. Da hatte CPE wenig Platz. Auch wichtig ist, dass die Wiener Klassik in der Zeit sehr populär war und ältere Musik verdrängte.

Lieber Tharpa, lieber Max, wir danken euch für dieses Interview!

Zum Schluss haben wir noch einen besonderen Anspiel-Tipp für euch, wenn ihr C. P. E. Bachs Musik noch gar nicht kennt: Es ist ein Klavierstück, und es nennt sich Solfegietto Nr. 2 in c-moll. Der seltsame Name ist die Verkleinerungsform von Solfeggio, und das ist ein Gesangsübungsstück ohne Text. Aber es geht wohl auch mit dem Klavier...

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