C. P. E. Bach und die Psychologie

Ausdruck der Empfindsamkeit

Goethe schrieb die „Leiden des jungen Werthers“ 1774, 1770 schrieb Carl Philipp Emanuel Bach: „Mich deucht, die Musik müsse romantisch das Herz rühren“.

Damit ist die Psychologie der Sonaten des zweitältesten Bach-Sohns umrissen: Er ist ein Erneuerer, ein Revolutionär der Empfindsamkeit und des Ausdrucks. Dahlhaus nennt ihn und Christian Friedrich Daniel Schubart die „Expressionisten des 18. Jahrhunderts“. Sie meinten es ernst, auch wenn der ältere Bach nicht mit seiner Freiheit zahlte wie Schubart, der 10 Jahre (1777–1787) im Kerker auf dem Hohenasberg mehr vegetierte als lebte: Aber dieses extreme Schicksal wirft ein Licht darauf, was es bedeutete, in der Endzeit des Feudalismus sich zur Seele zu bekennen, es ist immer auch gesellschaftliche Revolution und Schiller floh 1782 nach der Veröffentlichung der „Räuber“.

Bei C. P. E. Bach wird aus dem eigenen Fühlen das Zentrum der Gestaltung: „Indem ein Musickus nicht anders rühren kan, er sey dann selbst gerührt; so muß er nothwendig sich selbst in alle Affekten setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will.“. So steht es in seinem Lehrbuch „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“.

Reichhardt schreibt: „Hätten Sie nur einmal gehört, wie Bach sein Klavier beseelt, wie es den Ton jeder Empfindung, jeder Leidenschaft hineinlegt. Herr Bach spielt nicht nur ein recht langsames, sangbares Adagio mit dem allerrührendsten Ausdruck, er hält auch in diesem langsamen Satze eine sechzehntel lange Note mit verschiedenen Graden der Stärke und Schwäche aus“.

Damit ist eine neue pianistische Virtuosenkultur begründet und gefordert, die in ihrer Komplexität und Schwierigkeit in die Romantik und Spätromantik hineinreicht und im Verständnis des Klaviervirtuosen, wie ihn z.B. Franz Liszt verkörperte, für uns nacherlebbar wird.

Prof. Dr. Helmut Reuter, Köln/Bremen


 

Zeitloser Expressionismus

Zur Interpretation der „Preußischen Sonaten“ von Carl Philipp Emanuel Bach

Für Carl Philipp Emanuel Bach gilt als Gesetz der Interpretation: “Dieses (die Darstellung der Empfindung im Spiel und körperlichen Ausdruck, H.R.) geschieht ebenfalls bey heftigen, lustigen, und andern Arten von Gedanken, wo er sich alsdann in diese Affekten setzt. Kaum, daß er einen stillt, so erregt er einen andern, folglich wechselt er beständig mit Leidenschaften ab. Diese Schuldigkeit beobachtet er überhaupt bey Stücken, welche ausdrückend gesetzt sind, sie mögen von ihm selbst oder von jemanden anders herrühren; in letztern Falle muß er dieselben Leidenschaften bey sich empfinden, welche der Urheber des fremden Stücks bey dessen Verfertigung hatte“. So der Komponist im dritten Hauptstück, § 13 seines „Versuch(s) über die wahre Art das Clavier zu spielen“.

C. P. E. Bach fordert viel vom Spieler, die „Preußischen Sonaten“ sind für das Cembalo geschrieben, einem Instrument von deutlich geringerem expressiven Potential als der heutige Konzertflügel. Wenn sich der moderne Interpret in das Ausdrucksgeschehen, die „Leidenschaften“ des Komponisten einfühlen soll, gilt es, Hindernisse zu überwinden: Überliefert ist nur die Notengestalt, sie muss schon beim Lesen die selben Bewegungen verursachen. Dann aber: Sind die „Leidenschaften“ eines Musikers des 18. Jahrhunderts unseren vergleichbar? Ja, denn unsere Empfindungen und ihre Kontrolle und Gestaltung haben sich seitdem nicht verändert. So vermag also der moderne Interpret auf dem ausdrucksreichen Instrument der Gegenwart C.P.E. Bachs Leidenschaft in vertiefter Weise erklingen lassen.

Wenn Bach im erwähnten Zitat von an “andern Arten von Gedanken“ schreibt, so finden wir, dass die Expression des Gefühls nicht eine isolierte Veranstaltung ist, wie sie gern im populären Verständnis vermutet wird, wo Gefühl und Verstand als gegensätzlich angenommen werden.

Erst dieses untrennbare dynamische Zusammenspiel ergibt jenen glaubwürdigen Expressionismus in aller Kunst (seien es Bilder, Dichtung oder eben Musik), die uns zu solchem Erlebnisgleichklang bringt.

Es gibt einen (mit-)schöpferischen Anteil des Zuhörens: Man lässt die Musik für sich in einer ganz unnachahmlichen Weise neu entstehen. Man muss sich allerdings entschieden auf diese mitschöpferische Arbeit einlassen: intensives Zuhören.

Die Aufgabe des Interpreten ist dabei: Richtungen vorzuschlagen und dies mit kraftvoller Entschiedenheit. Bei dieser Entschiedenheit gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur ein stark oder schwach.

Prof. Dr. Helmut Reuter, Universität Bremen

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