Der sensationelle Notenfund

Es war „der“ musikalische Sensationsfund: Im Sommer 1999 entdeckte Bach-Forscher und Harvard- Professor Christoph Wolff in Kiew den verschwunden geglaubten Bestand der Singakademie zu Berlin. Fein säuberlich verpackt, wie zu ihrem Abtransport 1943 aus Berlin, lagerten die Quellen in der Abteilung für Literatur und Kunst im Staatsarchiv der Ukraine.

„Wir wußten: jetzt bricht für uns alle eine neue Ära an.“ – Der Fund der Berliner Singakademie-Bestände und C. P. E. Bachs darin enthaltenes Hamburger Kantorei-Archiv und Quellen aus seiner Berliner Zeit

Carl Philipp Emanuel Bach, Matthäus-Passion (1775/76, H 790), Autograph.  (Quelle: Berlin, Singakademie zu Berlin, Depositum bei der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, SA 25)

Bis dato glich die Suche einer Schnitzeljagd. Jahrzehnte lang gab es keine zuverlässigen Informationen über den Verbleib der Bestände. Als im Zweiten Weltkrieg die Situation 1943 in Berlin zu gefährlich wurde, brachte man den gesamten Bestand nach Schloss Ullersdorf in Schlesien. Als militärisches Ziel uninteressant, bestand die Hoffnung, dass die Stücke dort unversehrt bleiben würden. Nach Kriegsende wurde die Sammlung als „Beutekunst“ von der sowjetischen Armee nach Osten verschleppt. Damit verlor sich zunächst die Spur.

Als Christoph Wolff und weitere Forscher sich seit den 1960er Jahren um den Aufenthaltsort bemühten, gab es lange Zeit keinerlei zielführenden Angaben. Die Sammlung sei verbrannt oder an einen unbekannten Ort ausgelagert, hieß es. Als dann der erste Fingerzeig in Richtung Ukraine gegeben wurde und man der Spur nachging, verlief auch diese zunächst im Sand. Es sollte bis 1999 dauern, als Patricia Grimstead, Assistentin des Ukrainian Research Institute der Harvard University, einen wichtigen Hinweis fand. Sie stieß bei Recherchen auf ein Dokument, das besagte, dass 1947 über 5000 Musikalien an das Konservatorium in Kiew geliefert wurden. Über die ehemalige Musikbibliothekarin des Konservatoriums fand man heraus, dass die Werke bis 1973 tatsächlich dort gelagert hatten. Doch niemand warf in dieser Zeit einen genaueren Blick darauf und damit Auskunft geben, worum es sich bei dieser Lieferung handelte. Die nahe liegende Vermutung, die Quellen befänden sich nun in der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften, erwies sich als falsch. Doch Christoph Wolffs Kollege, Hennadi Boriak, fand heraus, dass die Singakademie-Bestände in der Abteilung für Literatur und Kunst des Staatsarchivs lagerten.

„Als ich Ende der 70er Jahre
nachfragte, meinte Rudolf Elvers,
es könne etwas in der Ukraine sein.
Irgend jemand in Ostberlin
hatte das kolportiert.“
Christoph Wolff

Der Zutritt dorthin geriet zu einer diplomatisch delikaten Angelegenheit. Zuerst wurde Wolff vom Direktor des Staatsarchivs, einem ehemaligen KGB-Offizier, der Zugang verwehrt. Durch das Eingreifen des amerikanischen Kulturattachés durfte Wolff letztendlich als Berater im Auftrag der ukrainischen Regierung das Archiv betreten. Der lange und steinige Weg sollte belohnt werden. Fast 5.200 Werke in größtenteils gut erhaltenem Zustand lagerten dort, viele davon Handschriften.

Carl Philipp Emanuel Bach, Passions-Cantate (1769/70, Wq 233), Autograph. (Quelle :Berlin, Singakademie zu Berlin, Depositum bei der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, SA 20.)Allein 500 stammten von der Musikerfamilie Bach. Unter den Funden befanden sich der Nachlass von Carl Philipp Emanuel Bach, Werke von Wilhelm Friedemann Bach, von dem zuvor kaum etwas bekannt war sowie mehrere Stücke vom Vater Johann Sebastian. Zudem war das „Alt-Bachische- Archiv“ enthalten, eine Sammlung von älteren Werken der Musikerfamilie Bach, die innerhalb der Familie weitergereicht wurde. Johann Sebastian Bach erhielt das Familien-Archiv um das Jahr 1735 herum. Nach seinem Tode wurde es im Rahmen der Aufteilung des Nachlasses an Carl Philipp Emanuel weitergegeben. Von ihm stammte auch der Name „Alt-Bachisches-Archiv“, wie es in seinem Nachlassverzeichnis dokumentiert steht. Carl Philipp Emanuel Bachs Werke sind es auch, die das Kernstück der Bach-Sammlung der Singakademie ausmachen.  Des Weiteren beinhaltet die Sammlung zusätzliche hochinteressante Quellen und Schriften wie das Ausbildungs-Repertoire von Felix Mendelssohn-Bartholdy oder auch Briefe zwischen Carl Friedrich Zelter, dem Direktor der Sing-Akademie, und Johann Wolfgang von Goethe.

Carl Philipp Emanuel Bach, Musik am Dankfeste wegen des fertigen Michaelisturms 1786: „Versammelt euch dem Herrn zu Ehren“ (H 823), Autograph. i(Quelle: Berlin, Singakademie zu Berlin, Depositum bei der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, SA 241)  Die Freude über den Fund blieb jedoch nicht ungetrübt. Der Kiewer Dirigent Igor Blaschkow erhob Vorwürfe, dass die Quellen schon längst bekannt seien, da er sie bereits seit 30 Jahren nutze. Diese Vorwürfe konnten dadurch entkräftet werden, dass Blaschkow offenbar weder das Wissen um den Wert der Sammlung besaß, noch irgendwelche Anstrengungen unternahm, den Fund publik zu machen. Ein Vergleich mit dem von Carl Friedrich Zelter aufgestellten Katalog ergab zudem, dass über 70 Werke in den Kiewer Archiven fehlten, darunter einige wertvolle Quellen von Wilhelm Friedemann Bach. Was mit ihnen geschah, konnte bisher nicht geklärt werden.

Die Sammlung der Singakademie selbst entstand mit deren Formierung im Jahre 1791 durch ihren Gründer Carl Friedrich Christian Fasch. Nach dessen Tod 1800 übernahm Carl Friedrich Zelter die Leitung der Singakademie und führte sie über 30 Jahre lang. Zelter ist auch der große Zuwachs an Werken der Familie Bach innerhalb der Sammlung zu verdanken. Er hatte ein Händchen dafür, Freunde, Bekannte und Mitglieder der Singakademie davon zu überzeugen, ihre Sammlungen an die Singakademie abzutreten.

Heute lagern die Bestände der Singakademie wieder in Berlin in der Staatsbibliothek, wohin sie 2001 überführt wurden. Wem der Weg nach Berlin zu weit ist, um die Originalhandschriften der Bach-Familie zu sehen, der kann auf www.bach-digital.de Einblick in viele der Werke erhalten.

Christoph Wechselberger

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