Was macht eine Jam Session im Jahr 1753?

Der Musiker und große Improvisateur ist immer auch ein großer Psychologe.

Die Seele des Ausdrucks und die Spontanität sind sein Ding: „Indem der Musickus nicht anders rühren kan, er sey dann selbst gerührt; so muss er nothwendig sich selbst in alle Affeckten setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will; Er giebt ihnen seine Empfindungen zu verstehen und bewegt sie solchergestalt am besten zur Mit-Empfindung. Bey matten und traurigen Stellen wird er matt und traurig. Man sieht und hört es ihm an. Dieses geschieht ebenfalls bey heftigen, lustigen, und anderen Arten von Gedancken, wo er sich alsdann in diese Affeckten setzt. Kaum daß er einen stillt, so erregt er einen andern, folglich wechselt er beständig mit Leidenschaften ab.“

Johannes Voorhout, Musizierende Gesellschaft (1674). (Quelle: Hamburg, Museum für Hamburgische Geschichte)

Wenn ich diese Zeilen lese, entsteht vor meinem Auge und Ohr eine spontane und zwanglose Zusammenkunft von Musikern auf einem belebten Platz in New Orleans, verschiedene Instrumente, virtuos gehandhabt von Menschen, die Freude und eine innige Beziehung zu ihrer Musik haben und die in eine Unterhaltung untereinander und zu den eintreffenden Zuhörern geraten. Diese Unterhaltung ist das psychologische Wesen aller Musik: Menschen treten in Verbindung zueinander und teilen sich in einer besonderen Sprache mit.

Die oben zitierten Sätze sind selbst von besonderer Sprache, die dem Faksimile-Nachdruck von Carl Philipp Emanuel Bachs Buch „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen“ aus dem Jahre 1753 entnommen sind. Hier wird ein Musikverständnis und Musikverstehen angeführt, das in seiner Präzision und Lehrbuchhaftigkeit vorbildlich ist und doch weit darüber hinaus weist: Der Mensch und Musiker im eigentlichen Sinn führt hier die Feder. Von der „Finger-Setzung“ ist in zahlreichen Paragraphen die Rede und der ganze „Zweyte Theil“ behandelt aufs Genauste die harmonischen Aspekte, um schließlich auf die „Freye Fantasie“ zu sprechen zu kommen.

Damit sind wir an einem Hauptpunkt des mitteilenden Musizierens angekommen: Die vollkommene Beherrschung der besonderen Grammatik des Musik-Sprechens ist für den lebendigen Austausch Voraussetzung. Die Jam Session wäre nur Gestammel, wenn sie die Jazzstandards nicht kennen würde und mit ihnen spielen könnte. Der improvisierende Musiker ist nicht der, der die Grammatik nicht kennt, sondern der, der sie so vollkommen beherrscht, dass er ihr spielerisch immer neue Ausdrucksformen abgewinnen kann.

Rembrandt van Rijn, Musizierende Gesellschaft (1626). (Quelle: Wikipedia)

Wenn wir das Gespräch, den Austausch der Gedanken hier betont finden, so gibt es doch Institutionen, die diesen Gedanken sehr verengt haben. Das Solokonzert des klassischen „Konzertbetriebs“, der „Klavierabend“, hat sich seit C. P. E. Bachs Zeiten sehr von der kommunikativen Seite entfernt. Die Kommunikation ist einseitig (vom Beifall mal abgesehen), der Solist teilt etwas mit und die Zuhörer geben pflichtschuldigst „keinen Mucks von sich“.

Der Solist improvisiert nicht, er käme nicht mal auf die Idee, ausgebildet wie er an den Hochschulen ist. In keinem Wettbewerb würde er nach den Vorstellungen C. P. E. Bachs auch nur eine Runde weiterrücken. Was teilt er, der Solist uns also mit? Dass er tausende von Stunden darauf verwendet hat, nicht Musiker im oben beschriebenen Sinn zu werden, sondern Artist mit einer Staunen machenden mechanischen Zuverlässigkeit und Präzision. Nicht ein Streifton, geschweige denn ein falscher Ton sind erlaubt oder auch nur vorstellbar. Der Wettbewerb beinhaltet keine der von C. P. E. Bach eben als unabdingbar für den künstlerischen Ausdruck aufgezählte Gefühlsqualitäten. 

Es hat schon zu C. P. E.s Zeiten die Vorstellung gegeben, der Mensch wäre womöglich eine Maschine. Der Leibarzt des alten Fritz, C. P. E. Bachs Dienstherr, der französische Philosoph und Mediziner Offray de La Mettrie, war dieser verwirrenden Ansicht („L’homme machine“). Und schon 1753 wusste Bach: „Die Erfahrung lehret uns mehr als zu oft, wie die Treffer und geschwinden Spieler von Profeßion nichts weniger als diese Eigenschaften besitzen, wie sie zwar durch die Finger das Gesicht in Verwunderung setzen, der empfindlichen Seele eines Zuhörers aber gar nichts zu thun geben.“ Und zum wahren Musizieren „gehört hiezu eine Freyheit, die alles sclavische und maschinenmäßige ausschliesset. Aus der Seele muss man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel.“

Kleine Abschweifung in die Wissenschaft: In meinem Fach, der Psychologie, hat es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Unbehagen an der nur am sichtbaren Verhalten interessierten Richtung unseres Fachs, dem amerikanischen Behaviorismus, gegeben. Die Innenwelt, der Reichtum der „Affeckten“ kam gar nicht vor. Das führte zu einer neuen Bewegung, der die Gefühle nicht unbekannt waren und die sich Humanistische Psychologie nennt. So ist die Musik im Geist Philipp Emanuel Bachs, verwandt mit dem Geist der Jam Session, recht eigentlich die Humanistische Musik zu nennen.

 

Prof. Dr. Helmut Reuter, Köln/Bremen

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