Vater und Sohn

Auch der Vater schreibt Werke des Sohnes ab, in diesem Fall Aufführungsstimmen zum Cembalokonzert a-Moll (Wq 1), ein Werk das aus dem Jahre 1733 stammt, also noch unter den Fittichen des Vaters in Leipzig entstanden ist.

Carl Philipp Emanuel Bach, Cembalokonzert a-Moll, Violine 1, Schreiber: J. S. Bach (einige Einträge auch von C. P. E. Bach, z. B. „Allegretto“). (Quelle: Kraków (Krakau), Biblioteka Jagielońska, Mus. ms. Bach St 495. olim Staatsbibliothek zu Berlin)Sehr gut denkbar, dass die erste Aufführung im Leipziger Collegium musicum stattfand und sich der Sohn als Solocembalist präsentieren konnte.

(Wegen der Beteiligung J. S. Bachs war dieses Werk dann 1950 fälschlicherweise auch ins Werkverzeichnis des Vaters gelangt als BWV Anhang 189.)

„Doch habe ich vor kurzem […]
alte Arbeiten von mir verbrannt,
u. freue mich, daß sie nicht mehr sind.“2

C. P. E. Bach vernichtete viele seiner Frühwerke. Sie genügten seinen Ansprüchen nicht mehr. Und er wollte auch nicht, dass von solchen Frühwerken („altes Zeug von mir“) ohne sein Wissen Abschriften zirkulierten – somit lässt sich seine kompositorische Entwicklung nur lückenhaft nachzeichnen; im Nachlaßverzeichnis sind einige noch in Leipzig – im Hause des Vaters – entstandene Sonaten und weitere Kammermusik erwähnt, die er später überarbeitete. Einige kleinere, vermutlich auch früher entstandene kurze Cembalo-Kompositionen, hat der etwa 16-Jährige dann in das zweite Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach (1725) eingetragen. Damit ist z. B. die Polonoise g-Moll eine dieser frühesten (noch im Original erhaltenen) Kompositionen C. P. E. Bachs. Ein Verfasser wird hierin – wie auch bei den anderen Kompositionen von ihm und seinem Bruder – nicht genannt.

Carl Philipp Emanuel	Bach, Polonoise g-Moll (H 1.2 bzw. BWV Anhang 123), aus dem Zweiten Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach, Leipzig 1725. (Quelle: Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, Mus. ms. Bach P 225)

Zweites Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach, Leipzig 1725. (Quelle:  Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, Mus. ms. Bach P 225)Dieses ab dem Jahre 1725 in Leipzig benutzte Büchlein hatte sich bei den Bachs zu einem Familienalbum für die besonders geschätzte „Hausmusik“ des Vaters und erste (?) kompositorische Gehversuche der Söhne entwickelt.

Es gelangte in den Besitz des Zweitältesten (in der Familie oft nur „Carl“ genannt) – ob es ihm über sein Notenerbteil des Vaters zugekommen war oder erst nach dem Tod der Mutter in seinen Besitz gelangte, ist nicht bekannt.

 

 


Der Besuch in Potsdam 1747

Während des legendären Besuchs von J. S. Bach in Potsdam im Jahre 1747, wo der Sohn als königlicher Kammercembalist angestellt war, entstand die kunstvolle Sammlung Musikalisches Opfer (BWV 1079), die Bach dem Preußenkönig Friedrich II. widmete. Über diesen Besuch und seine musikalischen „Folgen“ berichtete sogar die heimische Zeitung Berlinische Nachrichten und brachte Bach damit auf die Titelseite:

Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrte Sachen, 16. Mai 1747. (Quelle:Leipzig, Bach-Archiv Leipzig, Rara II, 680-C)

Fortepiano von Gottfried Silbermann, Potsdam, Musikzimmer im Schloss Sanssouci (Fotographie ca. 1928–1940). (Quelle: Berlin, Bundesarchiv, Bild 170-824)Anlass der Reise war unter anderem, wie die Zeitung meldete „die dasige vortrefliche Königl. Music zu hören“. Bei seinem Eintreffen im Schloss musste Bach dann auch gleich die neuartigen „Forte und Pianos“ ausprobieren, wie es in der Zeitung hieß. Fortepiano-Instrumente Gottfried Silbermanns (1683–1753) konnte der Sohn folglich am Preußenhof täglich spielen.

Im Jahre 1781 schreibt C. P. E. übrigens ein stimmungsvolles Rondo, das er Abschied von meinem Silbermannischen Claviere (Wq 66) betitelt – ein ihm offenbar sehr liebgewordenes Instrument.

C. P. E. Bachs erbte die Handschrift der Kompositionen des Vaters auf das anspruchsvolle „königliche Thema“. In der folgenden Abbildung sieht man die Notenhandschrift J. S. Bachs des kunstvollen sechsstimmigen „Ricercars“ und darüber den Titel des alten C. P. E. Bach in seiner von Gicht steifen Handschrift: „6stimmige Fuge, von J. S. Bach u. originaler Handschrift.“ Von diesem  Autograph trennte er sich noch zu Lebzeiten. Durch die Hand des Bückeburger Bruders Johann Christoph Friedrich gelangte es schließlich an den oben genannten Göttinger Musikdirektor und nachmaligen Bach-Biographen Johann Nicolaus Forkel.

Johann Sebastian Bach, Sechsstimmiges Ricercar aus dem Musikalischen Opfer (BWV 1079/2a), Erste Notenseite im Autograph J. S. Bachs mit Titel von C. P. E. Bachs Hand. (Quelle:  Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung, Mus. ms. Bach P 226)

Dr. Christine Blanken

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2. Hans-Joachim Schulze (Hrsg.), Dokumente zum Nachwirken Johann Sebastian Bachs. 1750–1800, Kassel 1972 (= Bach-Dokumente 3), Carl Philipp Emanuel Bach, Brief an Johann Joachim. Eschenburg vom 21. Januar 1786, ebd. Nr. 908